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Marktführer: DFH


Der Aufstieg zum Primus

Die DFH Deutsche Fertighaus Holding stemmt als deutscher Marktführer nicht nur wirtschaftliche Höchstleistungen: Im Bündnis mit führenden Köpfen der Wissenschaft wird an neuen Konzepten, Materialien, Entwürfen kommender Haus-Generationen geforscht. An der Spitze des Vorreiterunternehmens: Thomas Sapper.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Thomas Sapper auf dem Balkon seines Vorstandsbüros am Firmensitz in Simmern
Foto: Karl-Heinz Schindler

VON RETTUNGSAKTIONEN UND MARKENJUSTIERUNGEN

Der ist doch nur gekommen, um uns zu sagen, dass Schluss ist. Die Stimmungslage ist mies an jenem Septembertag 1997 auf dem Firmenhof der massa GmbH. Der neue Chef hat die Belegschaft zusammengeholt. Es ist dringend, man muss reden. Es geht um Sein oder Nichtsein. Die knapp 250 Häuser in der Jahresbilanz sind schlichtweg untertourig, ein unternehmerisches De­bakel. Deshalb ist von dem neuen, 37 Jahre jungen Chef auch keine geschmeidige Antrittsrede zu hören, seine Kernbotschaft lautet: Lasst uns mal völlig neu denken und dann loslegen. Diesen Thomas-Sapper-Satz muss man übersetzen: 800 werden doch wohl möglich sein! Und nicht nur 400 Häuser, die der Metro, zu der massa bis 1998 gehört, vorschweben. 
Kurswechsel sind eine Mordsarbeit. Viele große und kleine Veränderungen, jede davon schwierig. Die neue Produktpalette mit einem Haus, das es so noch nie am deutschen Markt gegeben hatte. „Trend“ kostete weniger als 100.000 DM. „Da war nichts getrickst bezüglich der Qualität, den Leuten wurde nichts Minderwertiges untergejubelt. Wir haben vielmehr die Kostenstrukturen optimiert, das Preis-Leistungs-Verhältnis neu justiert. Das hat bis heute Be­stand. Beispiel Dachstuhl. Das Hausprogramm von massa, heute mit etwa 80 Entwürfen, umfasste damals sechs Typen. Alle mit gleichem Dachaufbau. Wir konnten also effizient endlos Dachsparren produzieren – die passten auf jeden Haustyp. Die Branche hat kommissionsweise gearbeitet, was natürlich teurer war.“ 
Als zweiter Geniestreich erweist sich das „Twenty“. „Das verkaufte sich wie geschnitten Brot. In vier Wochen 600 Mal.“ Der Zug war in voller Fahrt. Einsteigen, bitte! Die Auftragsflut, die der Vertrieb reinspülte, beflügelte die Leute in den Produktionshallen. Oft machten sie erst Freitag 20 Uhr Schluss – und niemand murrte. Bei einer Fluktua­tion von 2 Prozent sind noch heute viele aus diesen Sturm-und-Drang-Zeiten dabei.
Dann waren sie die Besten. 1.200 Häuser baute massa am Ende des Jahres 2004. Einsame Spitze am deutschen Fertighausmarkt. Thomas Sapper: „Mit Ausbauhäusern verdienten damals auch viele Wettbewerber gutes Geld. Wir hatten nicht nur das bessere Ausbauhauskonzept – wir hatten überhaupt eins!“ 
Damit Thomas Sapper 2001 Vorstand Vertrieb und Technik der DFH Deutsche Fertighaus Holding AG werden konnte, muss­te zuvor noch allkauf haus (1999) und zwei Jahre später die OKAL Haus GmbH übernommen und in den Konzern eingeglie­dert werden. OKAL war nach massa ein Déjà-vu. Die Lorbeeren von Europas einstmals größ­tem Fertighaushersteller ernten? Irrtum. Die glorreiche Wirtschaftsgeschichte mit 75.000 OKAL-Häusern war bei 180 Stück ver­sandet. 
Es dauerte ein paar Jahre, bis aus dem Firmenpuzzle ein gut geölter Entwicklungs- und Fertigungsapparat wurde. Ein Kreis, daneben eine Linie, daneben noch ein Kreis. Der Stift saust übers Papier. Zack, Pfeil nach links. Thomas Sapper ist ein vorzüglicher Erklärer und Gedankenmaler: die Matrix eines Konzerns. Vier Vertriebs­linien: OKAL, massa, allkauf und EinSteinHaus, der Youngster. „Auch anderswo in der Branche kaufte man Firmen dazu. In der Regel wurde dann aus eins plus eins eins. Wir haben die Marken nicht glattgebügelt, wir haben ihre Eigenständigkeit sogar noch ausgeprägt. Produktpalette, Vertrieb, Marketing blieben Angelegenheit der Geschäftsführung der jeweiligen GmbH. Sicher der schwierigere Part. Aber der Erfolg gibt uns Recht.“ 
Eine Marke ist nur eine Marke, wenn sie Kontur hat. Gehen wir mal durch. allkauf steht für das Ausbauhaus mit Rundum-Sicherheit: optimal zugeschnittene, komplette Materialpakete, je nach Arbeitsstand auf Bauherrenanforderung just in time auf die Baustelle geliefert. Plus Angebot für nicht selbst zu bewerkstelligende Handwerkerleistungen. massa konzentriert sich auf die Haushülle, alles Weitere übernimmt die Bauherrenfamilie selbst. Beide Vertriebslinien sind aktuell dabei, ihr Leistungsangebot nach oben aufzustocken. Dem Kunden sollen noch mehr Wege, Materialkäufe, Handwerkerleistungen abgenommen werden. EinSteinHaus ist die Adaption der Fertighaus-Idee in Liapor. Das avisierte 3.0-Niveau mit neuer Wand beschäftigt die Konzern-Strategen seit Längerem heftig. OKAL liefert schlüsselfertige, architektur­affine, avantgardistische Moderne. 2,80 Meter Raumhöhe, an der die restliche Branche verzweifelt oder sie tunlichst ig­noriert – made by OKAL. Die geniale Hausautomatisierung myGEKKO – als Erstes bei OKAL-­Häusern im Standard. Minimal Windows, exzessive Glas­elemente mit schmalsten Rahmen und auf ebenerdigen Schienen zu bewegen – auch hier war OKAL Vorreiter. Und die anderen drei ziehen mit. Womit wir bei einem der unschlagbaren Vorteile des Konzern-Konstrukts wären: Legoland-Denke. Baukästen, aus denen sich jeder Kunde, Verkäufer, Projektant bedienen kann. „Nicht nach Belieben, aber relativ großzügig“, schränkt der Chef ein. „Alle Ideen und Kernentwicklungen werden für die Größenordnung von 2.000 Häusern getroffen. Das rechnet sich natürlich ganz anders als für 300er- oder 500er-Stückzahlen.“ 
Nämlich so: „Unterm Strich 309 Mil­lionen Euro Umsatz und 19 Millionen Euro Gewinn vor Steuern 2014“, bilanziert Thomas Sapper. Man möge sich das auf der Zunge zergehen lassen: Im Jahr 2002 baute die DFH 2.150 Eigenheime von bundesweit 230.000. Heute ist der Markt auf etwa 100.000 Häuser geschrumpft – von denen aber 2.000 von der DFH gestellt werden.

 

 

Einer der beliebten Entwürfe der „Modern Living“-Serie von OKAL mit dem prosaischen Namen FM 62-134
Foto: DFH

Heiliger Gral des kostensparenden, reibungsarmen, modernen Wirtschaftsalltags ist das IT-System PPS, bestehend aus ver­schie­de­­nen Teilsystemen, die sich miteinander vernetzen. In denen ist alles hinterlegt. Planungen, Material, Preis­kal­kulationen, Lagerbestände, Bestellungen, Termine, Aufträge für Subunternehmen, eventuelle Reklamationen. PPS ist einmalig.  Einmalig schlau, einmalig kommunikativ, einmalig verlässlich. Thomas Sapper liebt dieses IT-System, das von zwölf Leuten seit zwölf Jahren permanent mit neuer Software gefüttert wird. Und Personal erspart, das emsig Fertigungsdaten generieren müsste.  
In Simmern lassen sie gern mal ihren Träumen freien Lauf. Häufig dauert die Träumerei kürzer und beginnt die idealtypische Realität eher als gedacht. Eine Küche, die sich im Sommer auf die Terrasse rollen lässt. Wände, die nicht nur reduziert sind auf Statik und Trennelement, sondern zugleich Einbaumöbel, Regal, Bücherwand. Oder sich von einer (unsichtbaren) Raupe ziehen und schieben lassen, gern auch zwei Wände auf einmal. Aber, bitte, ohne Schienen! Nichts ist so unsexy wie Schienen an Decke und Boden. Eine Wand ist Begrenzung ist Möbel ist Raumwandler. Solche Verkettungen gefallen Thomas Sapper. Die machen den Unterschied zwischen beweglich nach Bedarf und festgelegt für alle Ewigkeit. Und es geht munter weiter mit dem Träume­erfüllen der DFH-Vordenkerteams: Hauswände, die sich auf minikleinen Stadtlücken, häufig in der von allen Nachbarn gut einsehbaren zweiten Reihe, öffnen und schlie­ßen lassen. Innenhof auf oder Haus zu, wie es beliebt. Die Dimension der Waagerechten ausgereizt auf bislang nicht beherrschbare Weise. Demnächst lässt die sich in der Musterhaus-Ausstellung Fellbach bewundern. Man ahnt schon den Aufschrei konservativer Nörgler: versponnene Spielereien technikverliebter Tüftler! Marketinggags, um den Verkauf anzukurbeln! Thomas Sapper mit unbeirrbarer Souveränität: „Wir greifen Probleme auf und suchen nach einer möglichst guten Lösung. Wer sagt, dass es für ewig und immer sein muss wie anno 20. Jahrhundert?“  
Leute, die Ideen in die Welt setzen, gibt es einige. Aber nur wenige sind zäh genug, sie wirklich umzusetzen. Beispiel: Jahrelang hat man in Simmern nach einer Haus­­technik gesucht, die mehr ist als teures, inkompatibles Stückwerk verschiedener Industriezulieferer. Die Systemsteuerung myGEKKO, von einem Südtiroler Auskenner der Szene entwickelt – „Ein Genie!“ (O-Ton Thomas Sapper) – ist genau die multiple, benutzerfreundliche, bezahlbare, nachhaltige Zutat, die der modernen Hausgenerationen gefehlt hat: „In Deutschland wird immer noch vom Ingenieur für den Kollegen Fachmann entwickelt statt für den Kunden. Bei myGEKKO ist es genau andersherum.“

 

 

 

Das legendäre „Trend 1“ – das erste Ausbauhaus, das massa 1998 seinen Kunden für weniger als 100.000 DM offerierte.
Foto: DFH

VON SINNSUCHE UND EINER KONZERNCHEFKARRIERE

Junge, du wirst Offsetdrucker. Nicht wundern: In den 80er-Jahren folgten nicht nur im schwäbischen Heidenheim Söhne solchen väterlichen „Das ist ein gescheiter Beruf für dich“-Ansagen. Gut möglich, der 16-jährige Thomas hätte sich eines Tages doch noch mit der Farben- und Papierlehre und dem Bleibuch­sta­bensortieren angefreundet. Aber eines Tages kippte der fast gefüllte Setzkasten um. „Nach drei Tagen Fuzzelei!“ Nicht sein Ding, hört man Thomas Sappers bis heute empörter Tonlage an. Der umgekippte Setzkasten kippte auch die wohlgemeinte väterliche Berufswahl. Und nun? Der junge Bursche begab sich auf Sinnsuche. Bei einer Spedition, in einer Edelstahlwalzerei, in einer Zimmerei … Generation Praktika heißt das heute, was damals noch gut bezahlt wurde. „Würde ich jedem raten: Schau dich um, bevor du dich festlegst.“ Thomas Sapper legte sich aufs Holz fest. Seine Zimmererlehre zog er im Eiltempo und mit Bestnoten durch. 
Aber einmal Zimmerer immer Zimmerer? Er schob noch eine kaumännische Ausbildung nach. Ohne diese ausgeprägte Eigenschaft, Halbwissen für gefährlich zu halten, säße Thomas Sapper heute nicht in seinem schicken neuen Büro am Firmensitz in Simmern. Mit wandfüllendem gebogenem 3-D-Bildschirm. Und viel Weiß, eine seiner Lieblingsfarben. Was er der Kundschaft gern mit auf den Weg in neue Wohnlichkeit gibt, hat er sich selbst verordnet: weite Blick­achsen. Über den halben Hunsrück. Der Weg in dieses Büro in der eigens dazugebauten obersten Etage war weniger großer Karriereplan, denn von Zufällen gesäumt. 
Die Werkstatt des jungen Zim­mer­manns befand sich in Nachbarschaft eines Fertigbau-Musterhauses – Zufall Nummer 1. Wenn die Verkäufer längst am heimischen Abendbrottisch saßen, aber späte Kundschaft schnell einen Blick ins Haus werfen wollte, schloss Thomas Sapper halt noch mal auf. Sieben, acht Häuser verkaufte er so allein mit Freundlichkeit, nebenher. Weshalb ihn sein Firmenchef flugs zur Verkaufsschulung schickte. Die war – Zufall Nummer 2 – miserabel. Offene Fragen, geschlossene Fragen, Sug­ges­tivfragen … Gequirlter Blödsinn, mit dem der junge Mann nichts anfangen konnte. Er vertiefte sich selbst in das Thema. Und formulierte eigene Schulungsbausteine. „Die nutzen wir heute noch bei der DFH für den Vertrieb.“ Die Vertriebstalente des Jungzimmermanns waren so augenfällig, dass man ihn in die Chefetage des Fertighausunternehmens hol­­te. Mit 24 wird er Vertriebsleiter von ExNorm. Fracksausen? „Ich bin von meiner genetischen Veranlagung her eher ein Alphatier.“ Zufall Nummer 3 war ein Riesenkrach mit dem verschwenderischen Juniorchef. Noch bevor Thomas Sapper in seinem Büro nachdenken konnte, wie es nun weitergehen soll, nachdem er gekündigt hat, klingelte das Telefon. Am anderen Ende ein Headhunter. Ob er sich vorstellen könne, Geschäftsführer eines anderen, nun ja, etwas ramponierten Fertighausunternehmens zu werden. massa.
Die DFH? „Mein Leben.“ Die zu erwartende Sapper-Antwort. Der ein gedanklicher Weitsprung folgt: „So ein Firmenverbund ist ein Gesamtkunstwerk, an dem ständig geformt werden muss. Wie sichert man solide Ergebnisse? Wie die Mitarbeiter motiviert in Bewegung halten? Womit machen wir die Kunden glücklich? Wie sieht unsere ethische Werteskala aus? Wie behalten wir unsere Identität?“ 
Auf seinem Schreibtisch stapeln sich die Projekte. Sein Tagespensum teilt sich aktuell auf zwischen ein Drittel aktuelles Geschäft, ein Drittel Technikkonzepte und ein Drittel Marktstrategien für die nächsten fünf Jahre. Glasqualitäten, Wandverankerungen, Batteriespeicher, Hausentwürfe, Solarzellen, Wandklammern, Holzpreise … Mananger wie Thomas Sapper werden oft von Kleinstkram aufgefressen, der Zeitdruck regiert. Die Hälfte der Handlungen eines Vorstands dauert nicht länger als neun Minuten, hat der bekannte Henry Mintzberg, kanadischer Professor für Betriebswirtschaftslehre und Management, ermittelt. Thomas Sapper nimmt solche Zahlen leidenschaftslos zur Kenntnis. Kom­pro­miss­lose Ziele sind manchmal nur durch kompromisslose Selbstausbeutung zu erreichen. 

 

 

„Trendline 1“ ist einer der Entwürfe aus der ambitionierten gleichnamigen
Ausbauhaus-Serie von allkauf.
Foto: DFH

2013 verwandelte RTL in der „Boss Under­cover“-Soap Thomas Sapper in den Praktikanten Bernd Segler. Bart statt glattem Kinn, lange Mähne statt formvollendetem Frisörcut, Arbeitsdrillich statt WeißesHemd-Krawatte-Anzug-Outfit. Man sieht Thomas Sapper Dächer decken, Wände aufstellen, Holz in der großen Halle streichen. Die Kollegen waren mit dem „Neuling“ zufrieden. Thomas Sapper nahm seine Schauspielerei sportiv: „5,83 Millionen Zuschauer haben gesehen, was wir für tolle Leute haben, die ihre Häuser bauen.“ 
Gutes Stichwort: Mitarbeiter. Welcher Managerkaste fühlt er sich zugehörig? Straffe Planungsvorgaben oder lieber Eigen­verant­wortung? „Klare Vorgaben, Stabilität und Kontinuität sind wichtig. Bei der DFH stehen immerhin 1.200 Leute auf der Gehaltsliste, außerdem haben wir aktuell Verträge mit 150 bis 180 Zulieferern. Aber keine Überregulierung. Ideen sollen nicht nur umgesetzt, sondern von den Mitarbeitern selbst hervorgebracht werden.“ Statt seinen Leuten im Nacken zu sitzen, tut er, was er am besten kann: Projekte an­schieben, Leute zusammenbringen. Respekt, Ver­trauen in andere sind ihm so lebenswichtig wie allmorgendlich der erste Espresso oder seine schwäbische Mundart. „Gibt es eine Alternative zu Vertrauen? Es ist eine Illusion zu glauben, am Ende kommt das Richtige heraus, wenn man jeden Tag alles kontrolliert. Damit verliert man nur Zeit. Natürlich machen Menschen Fehler. Besser, man lebt damit.“ Sapper-Logik: „Welches Unternehmen kann es sich leisten, nicht denkende Menschen zu haben?“

 

 

 

 

 

 

Entwurf für eine EinSteinHaus-Stadtvilla
Foto: DFH

VON PIONIERTATEN UDN NETZWERKEREI

Wenn Thomas Sapper früher die Tugenden des Fertigbaus aufzählte, klang das so: wetterunabhängige Vorfer­tigung, fabrikmäßige Präzision, schneller Hausaufbau, alles aus einer Hand … Seit zwei, drei Jahren klingt seine Aufzählung anders: Nachhaltigkeit, CO2-Einsparung, AktivPlus, sauberer Lebens­zyklus. Schon etliche Jahre kreist sein Denken um ein Thema, an dem sich die Weitsichtigeren, aufgeschreckt vom ersten Club of Rom-Bericht von 1972, die Zähne ausbeißen: Der Fortschritt, dem die Industriegesellschaft alles verdankt, wird immer mehr zu einer gefühlten Bedrohung!? Und schon steckte man bei der DFH mitten in einer Debatte über verantwortungsbewusstes Bauen in der Welt von morgen. „Wir wollen Teil der Lösung sein, nicht des Problems.“ Obgleich Thomas Sapper nicht zu Basta-Sätzen neigt – das ist ein lupenreiner.
Willkommen auf dem weiten Feld der Nachhaltigkeit. Der Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit könnte in der Wirtschaft kaum größer sein. Die Frustration des Ungeduldigen: „Ein innovatives Klima fehlt der Baubranche bis heute.“ Womit eine grundlegende Positionierungsfrage geklärt wäre: den Markt belauern, erstmal andere machen lassen und sich irgendwann ranhängen oder die alte Welt, in der der Fertigbau aufwuchs und gedieh, verlassen – und auf das nächste Level springen? In bester OKAL-Pioniertradition natürlich Letzteres. Was sonst. Abwarten ist ein Nothalt, kein Gewinnerkonzept. Also Lösungen, Kreativität anbieten.
Marktforschung ist kein Garant, um Zukunftswünsche über die Eigenheime von morgen zu erfahren. Die spiegeln bestenfalls die Gegenwart wider. Das eigene Gefühl für notwendigen Fortschritt, ein wacher Blick für Entwicklungen, andere Vor­denker um sich sammeln – und dann eine Analyse für die Zukunft machen. Schwierig. „Aber faszinierend“, sagt Thomas Sapper. 
Mit zwei Pfunden, das wusste man von Anfang an in Simmern, lässt sich gut wuchern: mit dem Naturbaustoff. „Holz gehört eindeutig zu den technologisch fortschrittlichsten Baumaterialien“, begeistert sich Thomas Sapper an dem archaischen Baustoff. „Welches andere Material bindet mehr CO2, als es in die Welt setzt?“ Das derzeit höchste Holzgebäude weltweit steht seit Sommer 2013 in Melbourne, der „Forté Tower“. 32 Meter hoch, zehn Stockwerke. Das aktuell höchste Holzwohngebäude Europas findet man in London: Knapp 30 Meter misst der neungeschossige „Murray Grove“. Zweites Pfund: die Holzständerbauweise. Bewährt, effizient, anpassungs- und zukunftsfähig. Gute Basis für einen neuen Drive.
Nachhaltigkeit ist eine tolle Sache. „Es wird viel geredet, aber wenig ge­messen“, stellte das Sapper-Team vor fünf Jahren fest. Und begab sich auf die Suche. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen freute sich. Willkommen, Partner. Entwickeln wir Zertifizierungskriterien für den Eigenheim­bau. Gemeinsam. Thomas Sapper: „Dann passierte etwas, was vor 15 Jahren unmöglich gewesen wäre. Wir klopften bei der Wissenschaft an und wurden nicht als einfältige ,Häuser von der Stange‘-Produzenten abgewiesen, sondern hereingebeten.“ Seitdem sind die DFH-Überzeugungs­täter, die TU Darmstadt und die FU Aachen in mehreren Projekten ganz neuer Dimension vernetzt. 
Der Masterplan hat sich vom Jahr 2020 bis ins Jahr 2050 ausgeweitet: der Studentenwettbewerb zum nachhaltigen Wohnen im urbanen Raum „Green Concept“, das Studentenwohnheim CUBITY mit seinem innovativen Wohnkonzept, der radikale Bestandshaus-Neubau-Vergleichstest „Low Carbon Lifecycle“. Große Themen mit et­lichen forschungsintensiven Unterthemen, wie neue Wand­konstruktionen, Energiespeicherung, Quar­tier­vernetzung. Solche Brocken könnte die DFH allein nicht stemmen, die Hochschule auch nicht. Eine Win-win-Situation für beide Seiten. Netz­werkerei über die unmittelbare Wert­schöpfungskette hinweg. Eine Mischung aus Denkfabrik und Labor.  
Thomas Sapper mag seine neuen Mitstreiter. Die finden seine couragierte Macher-Mentalität im­ponierend. Welches andere Unternehmen der Branche gestattet sich in Zeiten centfuchsigen Controllings so große Forschungs­etats?

 

 

Als erster Fertighaushersteller erhält die DFH 2013 ein Nachhaltigkeits-Zertifikat der DGNB. Das OKAL-Musterhaus in Mülheim-Kärlich aus normaler Serienfertigung (!) erfüllt 35 Kriterien – dafür gibt es Silber.
Foto: DFH

Thomas Sapper weiß um die Gefahr, wenn der Blick allzu weit in die fernste Ferne schweift: „Man ist da ganz schnell mal sowas von vorneweg, dass keiner mehr folgt. Ich kann noch so oft feststellen: Das Produkt, die Lösung ist super für die Umwelt, energiesparend, unkompliziert abzubauen, ressourcenschonend, aus tollen Materialien – wenn das wirtschaftlich nicht darzustellen ist, hat es keine Chance. Es gibt keine Nachhaltigkeit ohne Profitabilität. Umgekehrt gibt es eher früher als später keinen unternehmerischen Erfolg mehr ohne Nachhaltigkeit.“
Muss man mutig sein für ein radikal neues Hausbau-Denken?„Nachdenken ohne Mut ist zwecklos. Wer nicht durchsetzen will, was er herausgefunden hat, wer nicht dafür streitet, der hat seine unternehmerische Hausaufgabe nicht gemacht.“  

Doris Neumann