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Wohnsoziologie


Die Vermessung der Wohlgefühle

 

 

Wohlbefinden beim Wohnen wird bislang mehr behauptet als nachgewiesen. Die junge Housing-Well-being-Forschung tritt mit der Intention an, Wohngefühle in nachhaltig errichteten Gebäuden wissenschaftlich zu quantifizieren. Und den Planern Gewissheiten für eine zukunftsfähige Wohnarchitektur an die Hand zu geben.
Ein Gespräch mit Prof. em. Dr. Dr. h. c. Bernd Wegener.

 

 

 

 

 

 

Prof. em. Dr. Dr. h. c. Bernd Wegener war von 1994 bis 2013 Leiter des Lehrbereichs für empirische Sozialforschung an der Humboldt-Universität Berlin. Seit seinem Ruhestand ist er dort als Senior Professor tätig. 

Ist Wohlbefinden die entscheidende Kategorie für die Vermessung der Wohngefühle? 

Prof. Bernd Wegener: Well-being sagen wir Soziologen – als Sammelkategorie für Zufriedenheit. Nicht, dass Sie denken, uns sei kein deutsches Wort dafür eingefallen. Well-being ist der etablierte Fachbegriff. Die Well-being-Forschung orientiert sich stark an der Wohlfahrtsforschung. Die Messung der Wohlfahrtsfunktionen lässt sich bis ins 18. Jahrhundert zu Jeremy Bentham, dem Vordenker des modernen Wohlfahrtsstaats, zurückverfolgen. Ihr Bestreben: kollektive Präferenzen abbilden, um den Wohlfahrtsstaat danach auszurichten. Das historische Problem dabei ist, dass sich Nutzen nicht intersubjektiv vergleichen lässt. In der praktischen Einstellungsforschung gibt es inzwischen Methoden, das Problem empirisch mittels latenter Konstrukte zu überwinden, sodass man trotzdem Aggregationen bilden und Vergleiche anstellen kann. 
Mit unserem eigenen Versuch – der sozialwissenschaftlichen Begleitung des VELUX- Projekts „Model Home 2020“ in Hamburg – stehen wir ganz am Anfang der Forschung. Über die Fallstudienphase sind wir noch nicht hinausgekommen. Wie sich nachhaltiges Wohnen auf das Wohlbefinden der Bewohner auswirkt, welche Einstellungen sie dazu entwickeln, wurde bislang überhaupt nicht untersucht. Auch international herrscht da gähnende Leere. 

Ist der Kenntnisstand wirklich so jungfräulich? Man weiß doch beispielsweise, dass ein 21° temperierter Raum allgemein als behaglich empfunden wird. 

Womit wir mitten im Dilemma stecken. Ich wundere mich bei Konferenzen regelmäßig, wenn Leute vom Baufach Grafiken zu Temperaturverläufen präsentieren und forsch verkünden: Bei Punkt x beginnt der Wohlfühlbereich. Woher wissen die das? Die Architektur legt fest, was für die Nutzer behaglich ist. Basta. Diese normative Voreingenommenheit schlägt sich dann beispielsweise in EU-Richtlinien für Temperatur, Licht, Luftqualität nieder. Das hat was von selbsterfüllender Prophezeiung. Architekten werden mit solchen Postulaten groß, sie kommen an der Stelle gar nicht auf die Idee zu fragen. 

Aber Sie? 

Ja, das ist die notwendig neue Blickrichtung – die Betroffenenperspektive. Was denken, wie empfinden eigentlich die Nutzer? 

Was ist Wohlgefühl für einen Soziologen eigentlich? 

Ein Mix von Einstellungen, latente Konstrukte. Die Zusammensetzung ist eine empirische Frage, abhängig von der Selektion, und Gegenstand vergleichender Forschung. Methodisch läuft das so, dass man zunächst Dimensionen definiert, die für eine Operationalisierung tauglich scheinen. Sie werden immer wieder validiert. Das sollte vor dem Hintergrund einer Theorie erfolgen, nicht nur induktiv. Beschreibungen sind letztlich beliebig. Wir bedienen uns eines zweifachen theoretischen Schemas: dem Dreikomponentenmodell von affektiven, kognitiven, konativen Einstellungen und der anthropologischen Cultural Theory. Die operiert mit vier Denkstilen – Individualismus, Egalitarismus, Hierarchismus und Fatalismus. Die kommen in allen Kulturen vor, sind aber spezifisch ausgeprägt.

Wohlgefühle sind Gefühle, das Gegenteil von materiell Fassbarem. 

Die Wohnumwelt, in der wir leben, existiert nur als subjektiv wahrgenommenes Be-wusst-seinsabbild. Welche Empfindungen von der physikalischen Realität ausgelöst werden, bezogen auf die Reizintensitäten verschiedener Modalitäten wie Licht, Akustik, Temperatur und Ähnliches untersucht die Psychophysik. Diese Disziplin wurde im 19. Jahrhundert von Gustav Fechner in Deutschland begründet. Für f, die Transformationsfunktion, gibt es klare Gesetzmäßigkeiten in der Beziehung R = f(S). R steht  dabei für die subjektive Repräsentation, S für die äußere Stimulation. Die Reizstärken werden, wie man heute weiß, nach einer Potenzfunktion R = aSb abgebildet, wobei b für jede Sinnesmodalität verschieden ist. Man muss also mit der Psychophysik des Wohnens beginnen, mit der Umsetzung der physischen Realität ins Bewusstsein, um Wohnbefindlichkeitsmaße zu erarbeiten.

Könnten Sie sich vorstellen, dass es am einen Ende der Skala fundamentalere, tiefer sitzende Wohlgefühle gibt und am anderen Ende oberflächliche? 

Ich halte es für möglich, dass es sowohl dauerhafte primäre Einstellungen gibt als auch stärker sekundäre, die sich mit den jeweiligen Randbedingungen ändern. Vergleichbar der Gerechtigkeitswahrnehmung, wie wir sie aus der Ideologienforschung kennen. 

Gibt es einen Kanon fürs Wohn-Wohlgefühl? Wohnen im Grünen, sozial eingebettetes Wohnen …

Das untersuchen wir weniger, das ist eher etwas für die Housing-Preferences-Forschung: nach welchen Kriterien die Leute sich ihre Wohnungen oder Häuser aussuchen, wie man marketingmäßig eine Korrespondenz zwischen Gebäude- und Käufertypen herstellt. Uns interessiert nicht, welche Wahl Leute treffen, sondern die Reflexion, wie sie sich dann in ihrer Wohnwelt fühlen.

Hat das Wohlgefühl denn Strukturen, Regeln?

Die Rekonstruktion der Mehrdimensionalität ist die Struktur. Eine andere Frage ist, ob sich für das Housing-Well-being Regelmäßigkeiten aus empirischen Generalisierungen formulieren lassen. Dafür sind zwei Varianten denkbar. Man kann Housing-Well-being als abhängige Variable einerseits bezüglich soziodemografischer Merkmale – Bildung, Berufsstatus, Einkommen, Kinderzahl et cetera – und andererseits für Gebäudeeigenschaften betrachten. Anspruchsvoller wäre der Versuch, übergeordnete Denkstile im Sinne der Cultural Theory zu definieren, zu operationalisieren und  daraus die vorgefundene Housing-Well-being-Struktur abzuleiten. Eine kulturtheoretische Perspektive, die sich besonders gut auch für internationale Vergleiche empfehlen würde.

Wenn Sie den Blick mal auf den vor Ihnen liegenden Weg richten, dann … 

… würde mich nicht nur die einzelne Wohnung, das einzelne Haus interessieren, sondern das Quartier. Dass Leute künftig im Quartier beispielsweise die von ihren Häusern erzeugte Energie teilen, ist ein Aspekt sozialen Austauschs. Sehr spannend. 

Sie engagieren sich im Beirat des AktivPlus-Vereins. Soziologen sind in solchen Gremien eher eine seltene Spezies.

Ich finde imponierend, wie enthusiastisch vor allem junge Experten in diesem AktivPlus-Verein nach ganzheitlichen Lösungen für nachhaltiges Bauen suchen. Wie sie Grenzen zwischen praktischem Bauen und Wissenschaft interdisziplinär auflösen. Nachhaltigkeit wird dort nicht auf Energieeffizienz beschränkt. Deshalb sind auch wir Soziologen eingeladen mitzuwirken. Endlich.

Und alle erwarten gespannt Ihre Rückmeldungen an die Architektur?

Ein Messinstrument für Housing-Well-being zu entwickeln, das dauert schrecklich lange. Die Diskrepanz zwischen den ungeduldigen Erwartungen der Praktiker einerseits, wissenschaftlicher Gründlichkeit und Redlichkeit andererseits ist programmiert.  

Es fragte Doris Neumann.