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Mein Haus, mein Kraftwerk, meine Tankstelle


Staatssekretär Rainer Bomba

 

EnergiePlus-Häuser als künftig einzig akzeptabler Standard für alle Wohnbauten?
Ist, wer so etwas fordert, ein Rufer in der Wüste, Visionär – oder Spinner? Staatssekretär Rainer Bomba ist ein Realist mit energischer Ansage: Weniger als revolutionär neues Bauen können wir uns nicht mehr leisten! (Ein Interview vom Sommer 2013)

 

Herr Bomba, die großen Zielvorgaben der Regierung bis 2050 sind bekannt: Die Emissionen sollen um 80 Prozent gesenkt werden, der Stromverbrauch um 25 Prozent, der Verbrauch von Primärenergie um 50 Prozent. Die Botschaft „Mein Haus. Mein Kraftwerk. Meine Tankstelle“ gibt solchen Zielen die nötige Power. Die Legende sagt, die Ideen dafür lagen schon in den Schubkästen, als Sie Ende 2009 Ihr Staatssekretärbüro im Bauministerium bezogen haben. Stimmt das?

Rainer Bomba: Im Prinzip war das so. Im Bereich Wohnen und im Bereich Verkehr werden rund 70 Prozent unserer Primärenergie verbraucht. Das Ministerium ist in beiden Bereichen tätig, also habe ich gesagt: Lasst uns doch die beiden großen Themen strategisch zusammen denken. Wenn wir Häuser bauen können, die selbst mehr Energie produzieren, als ihre Bewohner benötigen, könnten wir diesen Strom für Elektromobilität nutzen.

Butter bei die Fische …!?

EffizienzhausPlus und neue Elektrofahrzeuge passen logisch zusammen – wenn der Stecker passt. Einmal ausgesprochen, leuchtet diese Kombination jedem ein, unabhängig von Partei, Konfession und Ideologie.

Sie haben bei der praktischen Umsetzung auf Tempo gedrückt.

Wir mussten ja nicht bei null anfangen. Einiges war entwickelt und erprobt. Energieeffizienzhäuser werden schon seit einigen Jahren gebaut. Es gibt Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung mit besten Wirkungsgraden, gut gedämmte Fenster, exzellent gedämmte Wände. Wirklich neu ist das Gesamtkonzept, das eigene Energieproduktion und -speicherung ebenso einschließt wie den Betrieb des eigenen Elektro-Pkw. 

Das Bauministerium hat eine praktische Vorlage geliefert: das „EffizienzhausPlus“ in Berlin. Das sich auch den früher üblichen Schlagabtausch bei solchen Vorzeigeprojekten, energetisch ein löbliches Haus, aber architektonisch mittelmäßig, von Anfang an erspart hat.

Es war uns ganz wichtig, die Komponenten für die Energieeffizienz nicht irgendwie ans Haus zu pappen, sondern auch gestalterische Zukunftsfähigkeit vorzuführen. Architektur, Technik, Bauweise als Gesamtperformance. Mindestens genauso wichtig: Die Bewohner – das Haus wird in echt von einer vierköpfigen Familie testbewohnt –, nicht mit Vorgaben zu kujonieren, damit wir uns dann an erwünschten Messergebnissen berauschen können. Wir haben das Haus als Labor und Werkbank betrachtet, uns in vielen Überlegungen bestätigt gefühlt und wichtige Optimierungserkenntnisse gewonnen.

Warum benutzen Sie und Ihr Ministerium vorzugsweise die Bezeichnung „EffizienzhausPlus“ statt des knackigeren „Plusenergiehaus“?

Es ist ein Kompromissname. Wir schließen einfach an gängige Kategorisierungen der Kreditanstalt für Wiederaufbau und deren Förderprogrammen an. 

Befriedigt Sie die Resonanz der Bauherren und der Hauseigentümer?

Nicht wirklich. Für viele reduziert sich die Energiewende auf den Atomausstieg, riesige Wind- und Solarparks und Trassenschlagen. Auf die ganz großen zentralen Heilsversprechen. Und dann kommen wir daher mit der Idee, sich lieber eine autarke Einheit zu schaffen, die dir sowohl die Wärme im Haus als auch den Strom als auch das Warmwasser liefert und zu all diesen Großtaten noch den Strom für die Mobilität. Nicht wenigen fällt es schwer zu glauben, dass so viel Freiheit, Fortschritt und Mehrwert schon heute möglich ist. Für uns stellt sich also als zentrale Aufgabe aufzuklären, zu missionieren. Weitere Projekte zu initiieren, den Quantensprung zu kommunizieren, Wettbewerbe auszuloben – bis die Industrie von selbst, ohne unser Drängen und ohne unseren Anschub, diese Häuser baut, sie mit Elektromobilität kombiniert und Stück für Stück ihre Klientel sensibilisiert: Wenn ihr baut oder saniert, dann auf dem Level Plusenergie. Dann habt ihr schon die nächsten 30 Jahre in der Tasche.

Ist die Zurückhaltung allein ein Kommunikationsproblem? Das gängige Totschlagargument lautet doch: Es rechnet sich nicht.

Nehmen wir mal mein Haus. Der Strom kostet mich im Jahr etwa 1.200 Euro, die Pellets 1.900 Euro, dazu noch der Kraftstoff etwa 2.300 Euro. Das macht in der Summe 5.400 Euro jedes Jahr. Wenn Sie das für die Lebensdauer eines Hauses zusammenzählen, also für 40 Jahre, kommen Sie auf die stolze Summe von 220.000 Euro. Zu Preisen von heute. Die steigenden Kraftstoff- und Stromkosten sind da noch außen vor. Es rechnet sich also mehrfach: Wenn ich mir heute ein EffizienzhausPlus baue, muss ich 30.000 bis maximal 40.000 Euro mehr aufbringen für die haus- und bautechnische Ausstattung. Nach sieben, maximal zehn Jahren hat sich dieser Mehraufwand ausgezahlt. 

Warum ist dieser Vorteil so schwer zu vermitteln? Bauherren sind eigentlich gute Rechner. Warum knicken sie an dieser Stelle, bei diesem ungeheuren Sparpotenzial, so oft ein? 

Wer ein Haus baut, sieht das als langfristige Investition. Aber letztlich fehlt vielen schlichtweg die Fantasie, 30, 40 Jahre vorauszudenken. Dabei ist das so ein wundervoller Gedanke: Die Zukunft beginnt jetzt. Und ich entscheide, wie die wird. EffizienzhausPlus bedeutet doch: Hier zahlen Sie nie wieder für Strom und Wärme! Seitdem der Mensch sich häuslich niedergelassen hat, mussten Brennstoffe immer physisch ins Haus getragen werden. Kohle, Holz, Öl. Tausende Generationen lang. Jetzt ist alles anders: Die Häuser selbst beliefern sich und die Autos ihrer Bewohner mit Energie. Wir müssen das EffizienzhausPlus mit E-Mobilität deutschlandweit so schnell wie möglich mit einem gesicherten Qualitätsstandard zu einem erträglichen Preis einführen. 

Als neuen Standard?

Unbedingt.

Die in die Jahre gekommenen Bestandsgebäude können nur neidisch zur Kenntnis nehmen: Die Jungen ziehen gnadenlos an uns vorbei.

Auch die werden mitgenommen in die Zukunft. 40 Millionen Wohneinheiten in 19,1 Millionen Häuser – das sind die Größenordnungen. Mit einer Kombination von guter Gebäudetechnik, gut gedämmten Decken, Fassaden, Dächern, Fenstern lässt sich EffizienzhausPlus-Standard auch im Rahmen einer Sanierung im Bestand – wie sie etwa alle 40 Jahre fällig ist – erreichen. 

Wenn sich Häuser am eigenen Standort als Selbstversorger mit erneuerbaren Energien hervortun, machen sie teure, ineffiziente Überlandleitungen fragwürdig, oder?

Werden alle technischen Möglichkeiten kombiniert – Solarstrom, Windenergie, Geothermie, Speichersysteme, intelligentes Gebäudemangement –, so erzeugt ein EffizienzhausPlus schon heute zweieinhalb bis dreimal so viel Energie, wie seine Bewohner brauchen. Da entstehen energetisch autarke Einheiten, lokale Energielieferanten, die sogar Nachbargebäude mit nicht so guter Energieklasse versorgen könnten. Wenn wir nicht nur in einem Einfamilien-, sondern ebenso in einem Mehrfamilienhaus, sogar in einem ganzen Quartier zu einer autarken Energieversorgung in der Lage sind, warum dann nicht in einer kompletten Kleinstadt? Vorstellbar wären Blockheizkraftwerke oder mehrere Plusenergiehäuser miteinander über einen zentralen Speicher zu vernetzen. Auch wenn ich Tempo mag, vermute ich, dass diese Konzepte noch einige Zeit benötigen. Es wäre schade, die gute Idee bei den Leuten durch eilige Fehlwürfe zu verschleißen. 

Wir befinden uns ja alle in Abhängigkeit von diversen Versorgern, bei der Energiezufuhr, bei Wasser/Abwasser. In überkommenen Strukturen ist eine unabhängige, eigene Energieversorgung schwer vorstellbar.

Unabhängigkeit von Monopolisten zu erlangen ist eine starke Antriebsfeder. Das beweisen genossenschaftliche Modelle, etwa in Norddeutschland, in Bayern und Hessen. Die künftigen Nutzer investieren in ein Blockheizkraftwerk oder in ein Windrad, werden damit zu Eigentümern und sichern sich auf Dauer Energie zum niedrigsten Kostensatz. Solche Bürgermodelle finden so rasant Anhängerschaft, dass den alten Energiegiganten angst und bange wird. Mehr als die Hälfte der Stromerzeugungskapazität aus Sonne, Wind und Biomasse wird mittlerweile von Privatleuten kontrolliert.

Dezentrale Lösungen sind ohne innovative Speicher nicht zu denken. Wo bleiben die? Hat es sich die deutsche Ingenieurskaste zu lange hinterm Ofen gemütlich gemacht?

Das sehe ich total anders. Bei der Speichertechnik verfügen wir mittlerweile über funktionierende thermische Speicher – Warmwasser- und auch Eisspeicher. Die nächste große Hoffnung ist die Speicherung fluktuierender erneuerbarer Energien. Wasserstoff wird ein universeller Energieträger der Zukunft. Wasserstoff lässt sich für lange Perioden mit Energieüberschüssen als Speicher und dann mittels Brennstoffzellen zur Stromerzeugung nutzen. Derzeit wird allerhand ausprobiert, zum Beispiel wie sich gesicherte Erfahrungen aus Großanlagen auf die Kleinsteinheit Einfamilienhaus übertragen lassen. 

Die Entlastung von Energiekosten ist eine beispielhafte sozio-kulturelle Leistung des EffizienzhausesPlus?

Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Eine warme Wohnung darf nicht zur Altersarmut führen. Mit dem EffizienzhausPlus haben wir den Schlüssel in der Hand, den Menschen nicht erst im Alter, sondern schon in frühen Jugendjahren explodierende Kosten für die Energie zu ersparen. Sonne, Wind, Geothermie – alles da. Wir brauchen nur noch die Geräte, um sie effizient zu nutzen. Und die müssen bezahlbar sein. 

Und auch unser grünes Gewissen bleibt rein. Diese Naturressourcen scheinen ja schier unerschöpflich.

Eins meiner Lieblingsargumente ist die Geothermie. Würde die Menschheit über 10.000 Generationen alle benötigte Energie aus der Erde holen, würde die nicht mal um 0,5 °C abkühlen. Es wäre nicht mal wahrnehmbar. Andere Länder machen mit Geothermie seit Jahrzehnten exzellente Erfahrungen. Wir sind da leider ignoranter, als wir es uns leisten können. Dass ein Feld-, Wald- und Wiesenbohrer irgendwann einmal eine Gipsblase erwischt hat und dann auch noch meinte, er müsste mit Wasser löschen, ist kein hinreichender Grund, geothermische Energiegewinnung auszublenden. Momentan speichert das Einfamilienhaus seine Energie meist in einer Lithium-Ionen-Batterie. Mal weitergedacht: Eine Brennstoffzelle wird mit selbst produziertem Wasserstoff gefüllt. Noch ist allerdings der nicht gerade optimale Wirkungsgrad ein Problem.

Wasserstofftechniken gelten als extrem teure Lösung.

Zu Beginn sind alle Innovationen teuer. Die Solarzellen haben anfänglich auch
Unsummen gekostet. Technik muss sich durchsetzen und Stückzahlen produzieren.

Ihre Ingenieurintuition sagt Ihnen aber: Das mit dem Wasserstoff könnte etwas werden.

Ich habe guten Grund für diese Annahme. In Baden-Württemberg läuft seit ein paar Jahren ein Pilotprojekt im Wohngebäudebereich – Mehrfamilienhäuser, Kindergärten et cetera – mit 300 Brennstoffzellen. Dieser Langzeitversuch, an dem sich der EnBW engagiert beteiligt, zeigt: Die Brennstoffzellen- und Wasserstofftechnologie ist markttauglich. Im Keller steht serienreife, weiße Ware. Sie riecht nicht mehr, ist klein, summt leise vor sich hin und ist emissionsfrei. Bravo! Die Brennstoffzelle ist übrigens auch für den mobilen Bereich serienreif. Womit sich der Kreis für das EffizienzhausPlus schließt: Auf der einen Seite die Brennstoffzelle im stationären Bereich, auf der anderen für den mobilen. Dazu für beides noch einen Tank mit Wasserstoff und schon stünde der denkbar beste Brennstoff auf denkbar beste Weise zur Verfügung. 

Ist nicht zu befürchten, dass eine Fokussierung auf Brennstoffzellen lediglich als Ablenkmanöver dienen soll, um Zeit zu schinden?

Nein. Die Forschungen an den Brennstoffzellen läuft parallel zu anderen. Bis 2016 unterstützt unser Ministerium ein Programm mit 1,4 Milliarden Euro, eine Verlängerung ist vorgesehen. Im ersten Schritt soll die Brennstoffzellentechnologie erst einmal für den mobilen Bereich alltagstauglich werden. Ein rein batteriebetriebenes Auto besitzt eine Reichweite von 90 bis 200 Kilometern, die Brennstoffzelle schafft 500 Kilometer. Wir hatten auch schon einen Toyota auf dem Hof zu stehen, der mit einem Zusatztank 700 Kilometer weit gerollt ist. 

Entweder wir haben eine bezahlbare Speichertechnik oder wir haben sie nicht – entscheiden sich an dieser Stelle die bautechnischen Erfolge der nächsten Jahre? 

Ja. 

Das Gespräch führte Doris Neumann.