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Aktivhaus statt Passivhaus


Prof. Manfred Hegger

Wie weit voraus müssen und können Architekten und Planer denken? 

Prof. Manfred Hegger: Architekten müssten eigentlich so weit vorausdenken, wie ihre Gebäude leben. Doch das ist leider fast unmöglich. So eine weite Vorausschau wäre mit unglaublichen Unsicherheiten befrachtet. Dennoch: Wir müssen Vor-aus-blicke wagen, Verantwortung für die Zukunft in unser Alltagstun implantieren. Wir sollten den Mut aufbringen, absehbare gesellschaftliche Tendenzen jetzt schon für die eigene Arbeit zu aktivieren. Den Mut zum Risiko und auch den zum Nonkonformismus.

Welche Tendenzen sehen Sie?

Es gibt Sicherheiten und Tendenzen. Sicher ist, dass wir immer mehr Menschen auf der Erde werden, dass immer mehr Leute in Städten wohnen und unsere Ressourcenprobleme immer größer werden. Damit meine ich nicht nur Öl und Gas, sondern viele weitere Stoffe, mit denen wir bauen oder die zum Betrieb unserer Häuser nötig sind. 

Sie gelten als einer der Vordenker und Vor-Macher nachhaltigen und energieeffizienten Bauens. War das 1976, als Sie Ihr Studium abschlossen, schon ein Thema, dass Sie ernsthaft umtrieb, oder eher eine himmelblaue, ferne Utopie? 

Das war keine Utopie. Sondern die vor uns stehende große neue Aufgabe. Mit der Ölkrise wurde das Ressourcenthema zum ersten Mal für alle offensichtlich. Gerade war die Club-of-Rome-Studie „Die Grenzen des Wachstums“ erschienen. Sie hat meine Arbeit sehr geprägt.

Grenzen des Wachstums und Ende des Wachstums bleiben zwei Paar Stiefel. Die Erwartungen an die Architektur werden scheinbar unaufhaltsam eher größer als kleiner. Was nun? 

Wir können unsere Ansprüche nicht ins Unendliche steigern, auch nicht beim Raumbedarf. Nehmen wir den Flächenverbrauch. Ich plädiere dafür, nicht reflexhaft nach immer mehr Fläche zu rufen. Aufgabe des Architekten ist es, schöne, angenehme, wertige Räume zu schaffen, die großzügig wirken, auch wenn sie objektiv vielleicht gar nicht so groß sind. Wenn wir verantwortungsbewusster mit bereits vorhandenen und erst recht mit neu zu schaffenden Flächen umgehen, sparen wir Ressourcen und gewinnen neue Freiheiten. Das ist zugleich eine der drei Strategien des nachhaltigen Bauens: Suffizienz. 

Wenn Deutschland den Superstar unter den derzeit wichtigsten, zugleich aber diffusesten und am meisten missbrauchten Begriffen suchen würde – Nachhaltigkeit würde es locker ins Finale schaffen. In Ihrem „Aktivhaus“-Buch haben Sie eine „Landkarte der Nachhaltigkeit“ mit den Strategien des ressourcenschonenden Bauens vorgestellt. Gedacht als erhellende, ordnende, vor allem praktikable Verständnishilfe?

Nachhaltiges Bauen ist nicht nur eine gesellschaftliche Notwendigkeit, sondern ein Megatrend. Es ist der einzige realistische Ausweg für unsere Konfliktlage zwischen wei-terem Wachstum und begrenzten Umweltressourcen. Nachhaltiges Bauen meint eigentlich nichts anderes als umfassend gedachte Bauqualität. Und die ist ohne Effizienz, Konsistenz und Suffizienz, also Angemessenheit, nicht zu haben. 

Angemessenheit als Architekturprinzip klingt sympathisch. Erst recht, wenn es zu schöneren Räumen führt. Was macht für Sie einen Raum schön?

Für den schönen Raum gibt es keine allgemeingültige Definition oder gar ein Rezept. Er entwickelt sich jedes Mal neu in unseren Planungen. 

Aber es gibt doch Prinzipien, oder?

Der schöne Raum ist wohlproportioniert in der Grundfläche. Er ist vielleicht höher als üblich. Er kann auch differenzierte Höhen aufweisen. Er ist fließend, hat Sichtachsen, die ineinander übergehen. Solche Eigenschaften weiten einen Raum, lassen ihn größer erscheinen, als er tatsächlich ist. 

Also doch: Ihr schöner Raum ist vor allem ein kleinerer.

Raum ist für Architekten auch eine subjektive Kategorie über die Messbarkeit von Dimensionen hinaus. Wenn es der Aufgabe angemessen ist und als Teil innovativer Konzepte neue Nutzerqualitäten eröffnet, sollte der Raum objektiv kleiner sein, subjektiv größer. Auf der Solar-Decathlon-Ausstellung im Sommer 2014 in Versailles stellten wir zum Beispiel ein Wohnheimprojekt vor, bei dem sich die Studenten für eine private Wohnfläche von jeweils gerade mal 7,5 Quadratmeter entschieden. Das ist sehr überschaubar. Das Gefühl von Enge kommt aber nicht auf, denn diese Fläche ist gut geschnitten. Zudem gibt es in diesem Haus einen großen, zentralen Gemeinschaftsraum. 20 oder 25 Quadratmeter für jeden Studenten, klassisch abgeschottet entlang eines Flurs, sind weniger behaglich als dieses räumliche Wechselspiel von Kommunikationsbereich und Privatsphäre. 

Die junge Generation hat nicht das vordergründige Bestreben zu besitzen. Eher das Bestreben zu nutzen. Und auch zu teilen. Das stimmt mich zuversichtlich. Diese Philosophie des Teilens ermöglicht faszinie-rende neue Wohnformen.  

Architekten können mit ihrer Arbeit Menschen glücklich machen. Oder unglücklich.

Glück ist leider kein Dauerzustand, es existiert nur für Momente. Die Qualität von Räumen hat aber einen ganz starken Einfluss, ob und wie wir Glücksmomente erleben. Der Premierminister von Bhutan hat zu diesem Thema mal einen für mich unvergesslichen Vortrag gehalten. 

Der Staat, der Glück als Verfassungsziel verankert hat. 

Eine gute Idee, oder? Das Land ermittelt übrigens auch ein „Bruttonationalglück“
als Alternative zum Bruttonationalprodukt.Auf einem Architektenkongress in Tokio legte Bhutans Regierungschef den Anwesenden 20 Fragen vor. Beispielsweise, ob man als Architekt so entwirft und plant, dass man eine positive Wahrnehmung und Umweltverträglichkeit auch künftiger Generationen vermuten kann. 

Haben Sie den Kopf bei dieser Rede oben behalten?

Ja. Aber die Krux in unserer Gesellschaft bleibt: Sie ist sehr stark ökonomiegetrieben. Alles muss sich rechnen. Jetzt, in diesem Augenblick. Notwendig langfristiges Rechnen wird dem kurzfristigen geopfert. Ist der Reiz des kleinen Preises heute verflogen, bleibt in der Regel der lange Kater der hohen laufenden Kosten. Wenn man eine Lebenszyklusrechnung aufmacht, sind die Aktivhäuser®, wie wir sie heute bauen können, nicht teurer als andere. Im Gegenteil, sie sind erheblich günstiger. Welcher Auftraggeber aber rechnet schon über den gesamten Lebenzyklus?

Werden die Zeiten für innovative Architektur besser?  

Horst Rittel, ein Hochschullehrer und Architekturtheoretiker, dem ich als Student eng verbunden war, sagte: „Bauen ist eigentlich ein bös-artiger Pozess. Man kann nie das Bestmögliche erreichen, sondern immer nur das am wenigsten Schlechte.“ 

Nehmen Sie die Zertifizierungen für nachhaltiges Bauen: 100 Prozent können Sie nie erreichen! Ziel kann nur sein, mit jedem Projekt möglichst viele der Bewertungskriterien zu erfüllen. 

Der unvermeidbare Kompromiss wurzelt in der widersprüchlichen Natur der Bauaufgabe: Was für den Nutzer gut sein mag, kann für die Ökonomie schlecht sein. Was die Energiebilanz verbessert, kann für die Gestaltung problematisch werden. Alle Forderungen abzugleichen, ist in der Tat eine extrem bösartige Angelegenheit: Wir können wirklich niemals das Maximum erreichen. Aber ein Optimum. 

Trotzdem stehen Sie morgens gern auf?

Deswegen! Wenn ich von vornherein wüsste, dass ich sowieso das Maximum abliefern werde – welchen Antrieb hätte ich dann noch, besser zu werden? 

Fürs Erste wären wir ja schon glücklich, wenn der Anteil schlecht geplanter – konventionell getarnter, an Ihren Konzepten gemessen reaktionärer – Gebäude drastisch abnähme, die innovativen dafür sichtbar zunähmen. Welche Chancen haben dabei Einfamilienhäuser?

Bei Einfamilienhäusern ist das Thema Nachhaltigkeit allein schon wegen der Standortfaktoren und des vergleichsweise hohen Mitteleinsatzes schwierig zu realisieren. Auch wenn ich mit Holz baue und die Gebäudehülle energetisch passiv wie aktiv optimiere. 

Die Verkehrsanbindung wird in der Regel so sein, dass eine Familie zwei Autos benötigt. Die jeweils 30 oder mehr Kilometer täg-lich zurücklegen. So werden vielleicht Grundstückskosten gespart, dafür ist der Mobilitätsaufwand höher – den weder ein Passiv- noch ein Aktivhaus® energetisch kompensieren kann. 

Nicht mal dann, wenn Elektroautos mit selbst produziertem Solarstrom vom eigenen Aktivhaus-Dach einbezogen würden.

Nach den ersten Modellversuchen zeichnet sich ab, dass die wirtschaftlichen Vorteile gegenwärtig eher im Aktivhaus-Quartier zu gewinnen sind, als im frei stehenden Ein-familienhaus. Wir hatten von langfristigen Ten-denzen gesprochen: Das flache Land ent-völkert sich, die Städte wachsen.

Citywohnen gilt zunehmend als unbezahlbar.

Das mag für besonders attraktive Millionenstädte gelten. Bezieht man jedoch die Mobilitätskosten und die unterschiedliche Wertentwicklung in die Betrachtung ein, ergibt sich meist ein anderes Bild: Das Wohnen in der Stadt wird nicht nur attraktiver, sondern auch kostengünstiger. Und: Die Stadt bietet noch viel unerschlossenes Potenzial. Für Nachverdichtung in 50er-Jahre-Wohngebieten, für Umnutzungen, für Aufstockungsmöglichkeiten. 

Versteckte Potenziale liegen auch in kleinen Grundstücken, die sich erst bei genauerem Hinschauen erschließen. Dazu kommen noch leer stehende innerstädtische Gebäude, Bunker, Industrie- und Lagergebäude zum Beispiel, die verstärkt für moderne Wohnnutzungen entdeckt werden.  

Haben Sie Verständnis, wenn uns Berliner eine Verdichtung in Sardinenbüchsenformat nicht besonders anpiept?

Wenn es denn so wäre – ja. Die Fakten sind andere: In einer Stadt wohnte vor 50 Jahren hierzulande eine Person auf 18 Quadratmetern. Heute auf 45 Quadratmetern. 

Das heißt: Allein durch die Tendenz zu immer kleineren Haushalten mit weniger Personen auf immer mehr Fläche hat sich die Dichte in der Stadt mehr als halbiert. Die Infrastruktur derselben Stadt war auf mehr als doppelt so viele Einwohner ausgelegt. Nahverkehr, Wasser und Abwasser, Elektrizität, Theater, Schulen und Kindergärten: Die städtischen Strukturen laufen – von Ausnahmen in einigen besonders gefragten Kiezen in Berlin und anderswo mal abgesehen – zur Hälfte leer. Nachverdichtung ist schon deshalb ein Gebot sinnvoller Stadtplanung, um mit den Ressourcen, über die eine Kommune verfügt, einigermaßen wirtschaftlich umzugehen.   

Was wäre folglich eine angemessene Wohngebäudeplanung?

Zunächst mal der Abschied vom Durchschnittsfetisch. Hin zu differenzierteren Wohnangebotssituationen. Zum Beispiel Gebäude mit 6, 10 oder 20 Wohnungen,
in  überschaubaren Größen und sozialen Gruppen, in denen Nachbarschaft aktiv gelebt werden kann. Die werden von vielen sicher als ideal empfunden. Aber nicht von allen.

Oder denken Sie an die Millionen Wochenpendler. Die verbringen berufsbedingt nur das Wochenende in der Familienwohnung. Unter der Woche übernachten sie an ihrem Arbeitsort in einer Zweitwohnung. Dort ist das soziale Interesse ein ganz anderes als an ihrem Lebensmittelpunkt. Man sollte also konzeptionell berücksichtigen, dass neben der Halbierung der Wohndichte eine nicht unerhebliche Zahl von Wohnungen nur die halbe Woche genutzt wird. Ihr Flächenbedarf ist kleiner, zweckorientiert, kostenbestimmt. 

Eine Familie mit zwei Kindern erwartet demgegenüber Wohnräume anderer Größe, Lage und Beschaffenheit. Das heißt: Was angemessen ist, sollte weder generalisiert noch auf Obergrenzen fixiert werden. Die muss jeder für sich selbst festlegen, seinen ökonomischen Möglichkeiten und seinem ökologischen Verantwortungsbewusstsein entsprechend. Nach unten muss es aus sozialen Gründen Mindestgrenzen geben.

Wenn wir Ihnen folgen, kommen wir mit den bisher üblichen Bauweisen aber nicht mehr weit.

Wir sollten uns fragen, was wir von Wohngebäuden lernen können, die bereits mehr als 100 Jahre stehen und heute noch attraktiv sind, mit Räumen und Grundrissen, die zu den am Markt Gesuchtesten gehören. Umgekehrt stellt sich die Frage: Was kann ich von Gebäuden lernen, die erst 20 Jahre stehen – und jetzt schon ohne Reiz sind.

Was die stofflichen Ressourcen betrifft: mehr Material nutzen, das langlebiger ist. Und den Anteil nachwachsender Stoffe erhöhen. Holz zum Beispiel. Bäume wachsen hoffentlich noch in vielen Generationen. Energieintensive Materialien wie Stahl oder Aluminium, Zement oder Ziegel sind nur in solchen Konstruktionen akzeptabel, die am Ende des Gebäudezyklus komplett recycelt werden können. 

Zu dieser Strategie gehört, dass einzelne Teile der Konstruktion nach einer gewissen Zeit, vielleicht nach 20 oder 30 Jahren, unaufwendig ersetzt werden können.

Fenster zum Beispiel. Da könnte ich mir komplett geschraubte Verbindungen vorstellen, die beim Austausch nicht, wie heute üblich, erhebliche Teile der Wand in Mit-leidenschaft ziehen. Bei Solarfassaden sind heute schon lösbare Verbindungen gang und gäbe, geschraubt oder gesteckt. Beim mineralischen Bauen mit Ziegeln und Putzen fehlen solche Lösungen. 

Wie würde ein Haus aussehen, mit dem Sie Ihre Enkel glücklich machen?

Es wäre in jedem Fall ein schon vorhandenes. 

Ein Ziegelhaus?

Es könnte genauso gut ein Holzhaus sein. Ich würde mir als Erstes den Grundriss ansehen. Ob er wirklich leistungsfähig ist. Ob er viele Nutzungsmöglichkeiten für ein langes Leben ermöglicht, mit all den Wandlungen, die mit den verschiedenen Lebensphasen verbunden sind. Das ist das Wichtigste.  Das Potenzial der Bestandsobjekte ist größer, als sich die meisten vorstellen. 

Guter Wille macht frühere Wohnbausünden nicht ungeschehen. Welche fallen Ihnen zuerst ein?

Vor allem, dass jedem Raum seine Nutzung unverrückbar vorgeschrieben wurde. Das Bad ist das Bad ist das Bad. Fensterlos. Nass-zelle. Nur Hygiene. Die Küche ist die Küche ist die Küche. U-Boot-klein. Rein funktional. Abgeschottet. Stramme woh-nungspolitische Vorgaben.  

Lichte Raumhöhen von 2,40 Metern würden Sie heute sicher vermeiden – nachbessern können Sie diese in Bestandsobjekten aber nicht. 

Die Kleinteiligkeit lässt sich dennoch mildern: Innenwände entfernen oder durchbrechen und so eine neue Raumwirkung erzeugen, ohne Enge und Ausgesperrtsein. Großzügige Blickachsen herstellen. Temporäre Abgrenzungen, etwa durch doppelflüglige Türen oder Schiebeelemente, machen den Raum flexibel.

Neue Fensterformate?

Unbedingt. Groß genug für lichtarme Wintertage, aber auch so bemessen, dass sie die Hausbewohner im Sommer nicht zu sehr mit Überhitzung belasten. Der Sommerhitze kann man übrigens auch räumlich begegnen: Indem der Grund-riss eine Querlüftung zulässt. Das gefällt mir besser, als zusätzlicher teurer Sonnenschutz.

Viel Tageslicht ist immer gut. Erstrebenswert sind schöne weite Ausblicke, Perspektiven nach draußen, idealerweise ins Grüne. 

Wie sähe die unumgängliche energetische Sanierung eines Althauses bei Ihnen aus?

Ich habe das bei meinem eigenen Haus gerade praktiziert. Das haben wir vor 25 Jahren gebaut. In einer ökologischen Siedlung. Holzfachwerk, mit Lehm ausgefacht. Eine 14 Zentimeter starke Dämmung war damals ungewöhnlich viel. Immerhin schon aus recycelbarem Material. 

Wir haben unser Haus nun in Dach und Wänden nachgedämmt und die Verglasung der Holzfenster ausgetauscht gegen neue mit viermal besseren Werten. Unser Energieverbrauch sinkt, die Behaglichkeit steigt. Beides gehört unbedingt zusammen – Energiesparmaßnahmen und verbesserte thermische Behag-lichkeit. 

Thermische Behaglichkeit ist etwas sehr subjektiv Empfundenes, oder?

Es gibt wissenschaftlich ermittelte Diagramme, die beschreiben, wo der Behaglichkeitsbereich für 90 Prozent der Bevölkerung liegt. Beispielsweise im Verhältnis zwischen Oberflächen- und Lufttemperatur. Je höher die erste ist, desto geringer kann die zweite sein – die Menschen fühlen sich dennoch behaglich. Auch zwischen der Luftgeschwin-digkeit, der Luftfeuchte und dem Temperaturempfinden existieren allgemeingültige Zusammenhänge.

Für neun von zehn Frauen oder für neun von zehn Männern?

Gute Frage. Frauen bewerten zum Beispiel die Luftqualität höher als Männer. Sie mögen frische Luft. Meinen damit aber in der Regel kühlere Luft. Ein Phänomen, das wir von Passivhäusern kennen: Selbst wenn die Luft objektiv gar nicht besser ist, sondern nur kühler hereinströmt, wird sie gerade von Frauen als „frisch“ empfunden. Über Wärmetauscher vorgewärmte Frischluft eher nicht.  

Nochmal zur Raumhöhe: Die Nachkriegs-2,50-Meter wirken bedrückend, je größer die Räume sind. Warum eigentlich?

Es kommt bei der Wirkung immer auf den Raum selbst an, auf die Lage und die Größe der Fenster und andere Faktoren. Es gibt durchaus auch Räume mit einer sehr niedrigen Decke, die als angenehm empfunden werden. Bei denen ich den Blick nach außen sogar besser steuern kann als mit hohen Fenstern. Wichtig ist, beim Planen die Außenperspektiven der Räume mitzudenken, den guten Fernblick. 

EnergiePlus-Häuser sind gerade erst dabei, sich am Markt zu etablieren, da arbeiten Sie mit Kollegen schon am nächsten Gebäudestandard AktivPlus.

Der Plusenergie- oder EffizienzhausPlus-Standard geht von einer rein energetischen Betrachtung aus. Solare Energieüberschüsse erreichen Sie im Einfamilienhaus relativ leicht: Es hat viel Oberfläche, mit der Sie Energie erzeugen können, und innen relativ wenig Nutzung und Verbrauch.

Das Mehrfamilienhaus tut sich da schwerer: Es verfügt über mehr Wohnungen und vergleichsweise weniger Fläche für die Energieproduktion. 

Bei effizienten Wohngebäuden sind heute nicht mehr Heizung und Warmwassererzeugung die großen Energieschlucker. Die bescheiden sich in Mehrfamilienhäusern mit gut 30 Prozent der Energie. Beachtliche 70 Prozent entfallen auf Strom. 

Dieser Stromverbrauch wird nicht durch die Wohnfläche bestimmt, sondern durch den technisierten Haushalt. In jedem finden sich Kühlschrank, Spülmaschine, Waschmaschine, Trockner, Fernsehgeräte, Computer. Selbst mit A+++-Label-Geräten kommt da allerhand zusammen. 

Je größer also das Haus ist, je mehr Wohnungen Sie darin zu versorgen haben, desto schwieriger wird es, dass Ihr Haus die benötigte Energie selbst produziert. Wir bauen in der Speicherstraße in Frankfurt gerade einen Achtgeschosser, wo es gerade noch klappt. Mit aus heutiger Sicht Formel-1-Technik, wenn ich das mal so sagen darf.  

Bei Bürogebäuden, großen Labor- oder Hochschulgebäuden kann ich derzeit noch kein Plus erreichen; der Energiebedarf ist gemessen an der technisch möglichen Energieerzeugung bei diesen Gebäudeoberflächen zu groß. 

Bei Logistikbauten, Turnhallen und ähnlichen Gebäuden mit viel Fläche und relativ wenig innerer Nutzung lässt sich wiederum extrem viel Energie gewinnen. Das heißt, wir müssen einen AktivPlus-Standard differenzieren nach Nutzung, nach Dichte  in der Stadt, nach Gebäudehöhe. 

Stadtquartiere mit AktivPlus-Häusern energetisch neu zu vernetzen, ist eine richtig gute Idee. 

Es ist der nächste Schritt. Die Gebäude in einem gemischten Quartier mit ihren unterschiedlichen Nutzungen zu verschiedenen Tageszeiten machen es möglich, Lastprofile zu ergänzen und untereinander Energie auszutauschen.

Wenn Sie von AktivPlus-Niveau sprechen, denken Sie da an ein offenes System?

Auf die Energie bezogen, unbedingt. Eine Logistikhalle kann 500 Prozent erreichen – also fünfmal so viel Energie produzieren, wie ihre Nutzung verbraucht. Ein Einfamilienhaus schafft locker den Faktor 3. Mehr--fa-milienhäuser wiederum werden aus den schon genannten Gründen ihren Strombedarf vielleicht nur zu 70 oder 80 Prozent mit selbst produzierter Energie decken. 

AktivPlus-Häuser mit 70 Prozent Eigendeckung?

Das irritiert Sie? Passives Energiesparen ist gut und schön, reicht aber nicht. Das Aktivhaus® verdient sich seinen Namen, indem es aktiv Energie gewinnt, für sich und für seine Umgebung einen Beitrag leistet. Mit dem Kompromiss, dass manche Bestandsobjekte sich beim besten Willen nicht 100-prozentig selbst versorgen können.

Führt der Weg zum AktivPlus-Gebäude wieder über eine Zertifizierung?

Das ist nicht unser Ziel. Anders als DGNB, die sich mit der ganzen Breite nach--haltigen Bauens beschäftigt, konzentrieren wir uns auf die Problemzonen, auf kritische Merkmale von Gebäuden, die besonders schwierig zu handhaben sind: das Thema Energie. Das Thema Material. Das Thema Lebensdauer. Das Thema Integra-tion der Nachbarschaft. 

Sehen Sie uns die Ungeduld nach: Wann können wir mit dem neuen AktivPlus-Baustandard rechnen?

In 5 oder in 10 Jahren vielleicht. Wir fangen ja gerade erst an. 

 

Das Gespräch führten Doris und Peter Neumann  (im März 2014)