Hausverlag LogoHAUS2050

Weltneuheit Urban Insider


„Urban Insider” – Arbeitsbericht vom weltweit ersten seriengefertigten AktivPlus-Haus

Stadtwohnen neu denken. Der Entwurf „Urban Insider" von Burgmer:Architektur für OKAL bringt neueste Forschungsergebnisse architektonisch auf den Punkt: seriengefertigte Individualität für sehr kleine Stadtgrundstücke in einer innovativen Architektursprache. Mit großen Innenterrassen, flexiblen Fassaden, variablen Raumnutzungen.

Thorsten Burgmer, Architekt (oben); Sven Propfen, leitender Architekt der DFH AG

 

 

„Urban Insider“ – der Name der Entwurfsserie klingt nach Stadt und drinnen in einem. Richtig?

Thorsten Burgmer: Er beschreibt die Herausforderung, in der Stadt auf extrem kleinen Grundstücken von 250 Quadratmetern Familienhäuser zu bauen. Mit innovativen Architekturkonzepten, die eine unausweichbar nahe und dichte Nachbarbebauung, unmittelbare Einsehbarkeit und die stadtübliche Geräuschkulisse berücksichtigen, zugleich aber den Wunsch nach einem Familienleben in großen hellen Räumen erfüllen. Und die trotz der urbanen Enge sowohl eine funktionierende Außenbeziehung als auch den Rückzug in die nötige Privatheit ermöglichen.

Ich kenne eine Menge Leute, die in ähnlicher Lage sind wie ich: Mitte/Ende 30, Familie, Kinder, beide Partner beruflich engagiert, die weder im City-Beton noch in den Weiten des Umlands ihr Wohnideal sehen.

Womit heute städtische Baulücken gefüllt werden, genügt häufig nicht den Anforderungen an ein zeitgemäßes Familienleben oder es spielt allein wegen seiner Lage – nicht etwa wegen herausragender Architekturideen – in einer Preiskategorie jenseits von Gut und Böse. Es gibt tatsächlich bisher kaum überzeugende Architektur für dieses Segment. 

Wir müssen das Bauen für Familien in der Stadt neu denken. In echten Alternativen, nicht den immer gleichen Varianten.

Sven Propfen: Die Aufgabenstellung legt die Latte entsprechend hoch – innovative urbane Architektur, ja, aber in innovativer Bauweise, ganzheitlich geplant. Seriengefertigt auf dem höchstem Nachhaltigkeitslevel einer Gold-Zertifizierung durch die DGNB, die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e. V.  

Und energetisch auf Spitzenniveau: Als AktivPlus-Haus soll es alle nötige Energie aus regenerativen Quellen selbst produzieren und so hohe Überschüsse erzeugen, dass energetisch schwächere Nachbargebäude im Quartier zumindest teilweise mitversorgt werden können.

Und um auch das klar zu sagen: Zu unserem Anspruch gehört, für Familien bezahlbare Lösungen zu bieten. 

Bevor wir tiefer graben – wie haben Sie zueinander gefunden?

Thorsten Burgmer: Über die Forschungskooperation der DFH mit der TU Darm-stadt. Ich betreute als wissenschaftlicher Mitarbeiter von Prof. Hegger den Studentenwettbewerb zum „Green Concept“-Projekt und kam so in engen Kontakt mit dem DFH-Vorstandsvorsitzenden Thomas Sapper und mit Sven Propfen.

Sven Propfen: Wir sind akut auf der Suche nach unkonventionellen Denkern, die für ihre Ideen brennen. Erst recht in Zeiten der strategischen Neuausrichtung auf bezahlbares nachhaltiges Bauen. Dass sich die Partnerschaft mit dem Fachbereich Architektur der TU Darmstadt, insbesondere mit dem von Prof. Manfred Hegger geleiteten Fachgebiet Entwerfen und Energieeffizientes Bauen, so intensiv und mehrgleisig erfolgreich entwickelte, auch auf der menschlichen Ebene, erleben alle Beteiligten als besonderen Glücksfall. 

Thorsten Burgmer: Die Chemie zwischen den Partnern ist für mich ganz wichtig. Für jemanden ein Projekt nur „nachhaltig“ auf modern zu schminken, im Kern aber „auf Nummer sicher von gestern“ zu bleiben, wäre nicht mein Ding. Beim „Urban Insider“ ist das anders – hier ist radikale, ganzheitliche Innovation gefragt. Haus-Denken ohne Tabus. Das reizt mich. Obwohl die ambitionierten Zielvorgaben mächtig Dampf in den Kessel bringen.

Sie haben für den großen Norman Foster gearbeitet, sogar als dessen Projektleiter und Assoziierter. Lag Ihnen der Gedanke an einen Fertighausentwurf nicht meilenfern?

Thorsten Burgmer: Ich bekenne frühere Vorurteile, wie sie in meiner Zunft regelmäßig anzutreffen sind. Rückwirkend betrachtet: Ich hätte mich besser über die Branche informieren müssen, bevor ich mein Urteil bildete. Meine Sicht hat sich jedenfalls gravierend verändert.

Tasten wir uns einmal heran: Gibt es einen formulierten Kern Ihrer Entwurfs-idee? 

Thorsten Burgmer: Der erste Arbeitstitel lautete „Introvertiertes Wohnen“. Der ist sachlich korrekt, aber insofern nicht perfekt, weil er Rückzug und Weltabgewandheit stärker betont als nötig und gewollt. Andererseits beschreibt diese Kennung das Denken von den Innenräumen her, als subtil inszenierte Überlappung von drinnen und draußen. 

Die Dramaturgie schöner großer Räume auf das ganze Haus übertragen: hell, transparent, ein Leben auf der Sonnenseite, aber drinnen. Mit der Option, sich nach Bedarf durch flexible Fassadenelemente nach außen öffnen oder abschotten zu können.

„Insider“ als Raumprogramm holt die Terrasse nach innen?

Thorsten Burgmer: Die Terrassen. Plural. Je nach Lage, Lust und Laune. Idealerweise eine für den Frühstücksmorgen mit den Kindern, eine für laue Sommerabende zu zweit. Aber Sie haben recht – die Terrassen sind in diesen Entwürfen als geschützter Privatbereich „Insider“. In beiden Etagen.

Keine grüne Wiese?

Thorsten Burgmer: Nicht notwendigerweise. Der Entwurf funktioniert wunderbar mit einem grünen Garten. Aber im Gegensatz zu vielen anderen auch ohne. Insofern gibt das Abwägen möglicher Vorteile gegen die Nachteile hoher Kosten für jeden Quadratmeter Grundstück für die Familie Terrassen den Vorzug. Dazu kommt: Der Unterhalt eines Gartens kostet Geld und vor allem Zeit. Viele Familien wollen diese Zeit lieber mit anderen Beschäftigungen verbringen, insbesondere wenn beide Partner berufs-tätig sind.

Sie gehen von zwei Vollgeschossen aus. 

Thorsten Burgmer: Mindestens. Ein Effizienzgebot mit Luft nach oben: Zweieinhalb Geschosse sind in Stadtlagen oft schon machbar. Ich kann mir „Urban Insider” auch höher gestapelt sehr gut vorstellen – das wären dann drei, eventuell sogar vier Etagen. Aber da müsste man sehr sorgfältig auf die vorhandene bauliche Umgebung, die konkreten Licht- und Beschattungsbedingungen eingehen, um die Idee der sonnigen Innenterrassen nicht zu opfern.

Den Entwurf für das erste „Urban Insider“-Musterhaus in der Fellbacher Ausstellung planen Sie mit Einliegerwohnung.

Thorsten Burgmer: Das ist kein Muss, sondern eine Möglichkeit.

Sven Propfen: Die Einliegerwohnung als „neuen Trend” auszurufen wäre Unfug. Aber unsere Aufträge speziell für solche Hausplanungen nehmen seit Jahren zu. Teils aus Gründen soliderer Finanzierung, oft aber auch bewusst als Mehrgenerationenhaus, um die Familie zu vereinen. 

Thorsten Burgmer: Ich kann beide Motive gut nachvollziehen. Sowohl in meiner eigenen Familie als auch bei vielen meiner Freunde und Bekannten drängt sich das Thema Eltern/Großeltern im Laufe der Jahre immer stärker in die eigene Lebensplanung. Das große Ziel, im Alter mietfrei zu wohnen, haben die Oldies längst erreicht. Aber was wird künftig aus dem Haus der Eltern, was aus schönen großen Bauerngärten? Sobald die 80 überschritten sind, lassen sich solche Objekte ohne Hilfe kaum halten. Wenn die Jungfamilie dort mit einzieht, ist das selten für alle eine gute Lösung. Diese Althäuser sind nun mal nicht für zwei Familien geplant. 

Wenn so ein Thema einen ganz persönlich anfasst, nimmt es einen doppelt in die Pflicht, neue Formate zu entwickeln: Wie lassen sich im selben Haus konträre Wünsche nach Nestwärme und großfamiliärer Gemeinsamkeit mit temporärer Distanz und ungestörtem Für-sich-Sein der Generationen konfliktfrei vereinbaren?

Große Ansprüche brauchen in der Regel viel Platz. Woher nehmen Sie den auf einem 250-Quadratmeter--Grundstück?

Thorsten Burgmer: Dann müssen eben neue Regeln her! Die eigentliche Frage ist doch, ob wir wirklich zu wenig Platz haben oder nur keine Ideen für die begrenzt verfügbare Ressource Bauland, vor allem in der Stadt.„Urban Insider“ erkundet gewissermaßen exemplarisch, dass nachhaltiges und ressourcenschonendes Entwerfen und Bauen nicht gleichbedeutend ist mit Verzicht und Einschränkung – sondern zu innovativen neuen Raumqualitäten führt.

Ich habe als Student in Mexiko erlebt, welch unglaublicher Gewinn ein sonnenbeschienener, windgeschützter Innenhof auch für ein wirklich kleines Wohnhaus sein kann. Der schafft gewissermaßen eine neue Erlebnisbühne. Das ist zwar nicht 1:1 übertragbar auf hiesige Verhältnisse. Aber die Idee ist zu gut, um sie nicht zu adaptieren. Der „Urban Insider“-Entwurf lebt von seinen großen, sonnenhellen Innenterrassen.    

Und von einer außergewöhnlichen Flexibilität der Fassade.

Thorsten Burgmer: Die gehört zum Kern des Konzepts. Es können zwar nicht alle Fassadenelemente geöffnet und zur Seite geschoben werden, aber viele. In beiden Etagen, im Haupthaus wie in der Einliegerwohnung. Die Option, Blick - und Sichtachsen in diesem Haus erweitern und verlängern zu können, ist Teil der neuen Wohnqualität. Sie beeinflusst die Raumwahrnehmung erheblich. Die natürlichen Lichtverhältnisse verändern sich, das Kommen und Gehen von Sonne und Wolken bespielt nun drinnen die Bühne.

Die Räume machen diese Veränderungen mit – es macht sie besonders, lebendiger, spannender. Und größer. Eine nicht nur optisch wahrgenommene, sondern ganz reale Vergrößerung der Räume ermöglicht zudem die temporäre Einbeziehung der großen Terrassen. 

Die großen Glastüren lassen sich vollständig öffnen. Je nach Jahres- und Tageszeit, Wetter und Stimmung kann der Wohnraum um die Fläche unter freiem Himmel verdoppelt werden. Vor fremden Einblicken geschützt – diese Freiflächen sind ja „Insider“. Aber auch die lassen sich, wenn man möchte,  zumindest teilweise nach draußen öffnen. 

Sie beide sind Überzeugungstäter, eingeschworen auf innovatives, nachhaltiges Bauen. Fragen denn deutsche Bauherren nach solchen Zukunftsqualitäten?

Thorsten Burgmer: Immer öfter, aber noch nicht oft genug. Allerdings ist es in unserer Branche meist zu spät, erst dann über die Antworten nachzudenken, wenn die Fragen gestellt werden. Wäre es möglich, könnten wir ja Steve Jobs fragen, ob ihm statt des iPhones nicht ein simples Nokia-Handy völlig ausgereicht hätte …

Sven Propfen: Da es machbar ist und bezahlbar, sollten wir es tun – und als erster Anbieter den Bauherren Zukunft liefern. Das fühlt sich doch gut an: AktivPlus-Niveau, seriengefertigte individuelle Unikate. Aus meiner Sicht die einzig sinnvolle Option – alles andere ist zu wenig, reicht nicht für die Zukunft. 

Gesetzlich vorgeschrieben sind für einen Wohnneubau fünf Jahre Gewährleistung und 30 Jahre auf die statische Grundkonstruktion. Das ist alles.Wie weit kommt eine Bauherrenfamilie künftig damit?

Die Arbeit an einem neuen AktivPlus-Gebäudestandard ist noch ganz am Anfang.

Sven Propfen: Was bestätigt, wie weit OKAL und die DFH mit Herrn Burgmers „Urban Insider“ vor dem Feld liegen. Die Richtung der Entwicklung, die Kriterien der neuen Baustandards zeichnen sich doch ab. 

Die wären?

Sven Propfen: Ganzheitliche Planung, nachhaltiges Bauen. Ich plädiere an dieser Stelle für zertifizierte Nachhaltigkeit. Nach den Kriterien des DGNB. Dass wir mit „Urban Insider” 2015 als erster Anbieter eine Serienzertifizierung mit Gold-Standard erreichen werden, steht für mich außer Frage. 

Ich habe mich in den vergangenen zwei Jahren für strenge Kriterien dieser Zertifizierung engagiert. Nachdem das OKAL-Musterhaus in Mülheim-Kärlich aus der Serienfertigung heraus DGNB-Silber bekam und das OKAL-Musterhaus Wuppertal als eines der ersten deutschen Einfamilienhäuser sogar Gold, bin ich für die neue „Urban Insider“-Serie mit gutem Grund optimistisch. Kriterien wie eine vollständige Trennung und Recyclierbarkeit der verwendeten Baumaterialien am Ende des Lebenszyklus erfüllen wir ohnenhin.

Erwiesene Nachhaltigkeit ist aber nur ein AktivPlus-Kriterium. 

Sven Propfen: Ein weiterer Hauptpunkt ist die energetische Qualität. Das Gebäude muss in der Jahresbilanz aus regenerativen Quellen mehr Energie erzeugen als es verbraucht – und mit seinen Überschüssen über ein Smart Grid ein Aktivposten möglichst hoher Eigenversorgung im Quartier sein.     

Wie kommt so ein Top-Energieniveau zustande?

Sven Propfen: Voraussetzung ist eine Gebäudehülle, die geringste Eigenverbräuche sichert. Das ist schon mit der gängigen „ThermOKAL-PassivWand“ und ihrem U-Wert von gerade einmal 0,125 W/(m2K) sowie den entsprechend hochgedämmten Glaselementen gegeben. Mit einer seriösen Prognose der Energieerzeugung und -verbräuche kann ich im aktuellen Entwurfsstadium noch nicht dienen. Nach den bisherigen Erfahrungen gebauter Plusenergiehäuser ist davon auszugehen, dass die Bewohner des „Urban Insider“-Hauses mindestens  4.500 Kilo-wattstunden pro Jahr verbrauchen werden. Also durchaus mehr als die offiziell für eine Familie in einem Plusenergiehaus offiziell anzusetzenden 2.500 Kilowattstunden jährlich. Aber ich bin dafür, in diesem Punkt auf Nummer sicher zu gehen und entsprechende Spielräume von Anfang an mit einzuplanen. Sind die realen Jahresverbräuche niedriger – umso besser. Dann fallen die Überschüsse entsprechend höher aus. 

Mit welcher Haustechnik tritt das „Urban Insider”-Haus an?

Sven Propfen: Die relativ kleine Dachfläche, aber auch die Ost-, Süd- und Westfassade, wird in jedem Fall mit so vielen Photovoltaik-Elementen bestückt wie möglich. Ich gehe davon aus, dass Wärmepumpe, Erdwärmetauscher und eine Speicherbatterie mit einer Kapazität von 8 bis 10 Kilowattstunden, gesteuert von unserem intelligenten „my GEKKO“-Superhirn, in normalen Durchschnittsjahren bei einer Energieeigenproduktion von etwa 8.000 bis 8.500 Kilowattstunden rund 4.000 Kilowattstunden ins Quartier abgeben können. Aber all das sind, wie gesagt, derzeit nur Prognosen.

Was fehlt noch?

Thorsten Burgmer: Ein bis ins letzte Detail ausgearbeiteter und abgenommener Entwurfsplan.  

Sven Propfen: Die Fassadenfarbe ist auch noch nicht endgültig entschieden. Schwarz wie ein Schmuckkästchen? Oder Blausilber? Oder Rot?

Wann ist denn die Weltpremiere des „Urban Insider“-Musterhauses in
Fellbach geplant?

Sven Propfen: Nach jetzigem Stand ist das späte Frühjahr 2015 realistisch.

Wird sich dieses erste AktivPlus-Serienhaus auch in einem externen Monitoring beweisen?

Sven Propfen: Für ein bewohntes Familienhaus macht das Sinn. Ein Musterhaus hat, zeigen die Erfahrungen, wegen seiner besonderen Nutzung auch eigene Verbrauchsstrukturen, die zu wenig verallgemeinernde Erkenntnisse liefern. 

Das Interview führte Peter Neumann (Oktober 2014)

Entwurfszeichnungen: Burgmer_Architektur