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Weltneuheit Cubity-Wohnheim


Das weltweit erste Studentenwohnheim auf AktivPlus-Niveau

 

CUBITY, Entwurf eines Studentenwettbewerbs der TU Darmstadt, an dem die DFH Deutsche Fertighaus Holding mitwirkt, ist ein energetisches, kostengünstiges Vorzeigeobjekt. Und ein Haus für Menschen, die der Gemeinschaft Raum geben und dem Privaten Angemessenheit. 

Eine Nachtgestalt mit Aha-Effekt. Tagsüber holt die transluzente Polycarbonatfassade Licht und Wärme ins Haus, nachts verzaubert sie die Nach­barschaft. Das CUBITY misst 16 x 16 Meter und wird zwölf Studierenden ein Zuhause der besonderen Art bieten.
Fotos (2):  Hans-Rudolf Schulz

 

PROJEKTBESCHREIBUNG

Das Konzept

Der von der Jury gewählte studentische Entwurf „Dorf im Haus“ widmet sich dem Thema „Energy-Plus and Modular Future Student Living“. Das räumliche Konzept folgt dem Haus-im-Haus-Prinzip: eine Halle, in die auf zwei Geschossen zwölf Wohn-boxen, die sogenannten Cubes, eingebettet sind. Sie gruppieren sich um einen großen zentralen Gemeinschaftsbereich, den Marktplatz. Im CUBITY können zwölf Studenten leben. Der großzügige Eingangsbereich ist barrierefrei zugänglich. Eine diagonale Folge aus Gemeinschaftszonen leitet den Blick vom Eingang über den Marktplatz zur Kochzone mit der darüberliegenden Empore bis  auf die Terrasse. Im Obergeschoss, erreichbar über mehrere Treppen, gelangt man auf der umlaufenden Galerie zu den oberen Cubes. Jeder Cube verfügt über eine private Vorzone. Die Empore über der Kochzone ist ein weiterer gemeinschaftlicher Ort mit besonderen Qualitäten – freier Blick von oben auf den Marktplatz oder hinaus ins Grüne. Das Entwurfskonzept entwickelte sich aus den Fragen „Wie möchten wir als Studierende leben?“ und „Welche Wohnsituation kann unsere Bedürfnisse erfüllen?“. Die Analyse beschreibt verschiedene Ebenen des Zusammenlebens und verdeutlicht, dass die gemeinschaftlichen Funktionen dominierender sind als die privaten. Es findet gleichsam ein Übergang vom Individuellen zum Gemeinschaftlichen, vom Kleinen zum Großen und vom Ungeteilten zum Geteilten statt.

Der Marktplatz

Der Marktplatz ist der zentrale, von allen Bewohnern ganzjährig nutzbare Gemeinschaftsraum. Zentral positioniert mit direkter Anbindung zur Gemeinschaftsküche, kann er von allen Seiten eingesehen werden. Ein System aus Fußbodenheizung und -kühlung gewährleistet den jahreszeitlich bedingten Temperaturausgleich. 
Dieser zentrale Platz ist als Zwischenklimazone konzipiert. Ein wichtiger Part fällt dabei dem raumhohen Vorhang zu, der dem Marktplatz, der „Mitte der Gemeinschaft“, auch im Winter eine hohe thermische Behaglichkeit sichert. Seine weitere Aufgabe: Mit dem Vorhang lässt sich der große Raum spontan verändern.

Der Gemeinschaftsgedanke

Das CUBITY-Konzept strebt nach einer neuen Angemessenheit der privaten Räume bei Maximierung gemeinsam nutzbarer Fläche. Der große Gemeinschaftsraum aus Marktplatz, Küchenzone, Empore und Terrasse kann von allen Bewohnern frei bespielt werden und wird so den unterschiedlichen Alltagssituationen der Studierenden gerecht. Die transluzente Hülle, die das Cluster umschließt, ist Ausdruck der Gemeinschaft. Ein Dorf im Haus, in dem Studenten Rückzugsorte, aber auch einen großen Bereich finden, in dem sie Augenblicke, Meinungen und Kulturen teilen dürfen. 
Im Projekttitel CUBITY verbinden sich die Themen „cube, city und community“ – als Ausdruck des experimentellen Wohnkonzeptes, das nach dem „Solar Decathlon Europe 2014“ in Versailles auf dem Uni-Campus Lichtwiese in Darmstadt als „Living Lab“ unter energetischen wie unter sozialen Aspekten praktisch erprobt werden soll.

Die Cubes 

Ein Leitmotiv bei der Gestaltung der einzelnen Cubes lautet: angemessen minimiertes, raum- und flächenoptimiertes Wohnen. Auf einer Grundfläche von nur 7,2 Quadratmetern ermöglicht ein eigens entwickeltes Einbaumöbel, das Bett, Schrank, Stuhl, Tisch, Beleuchtung, Elektroversorgung und Stauraum beherbergt, eine viel-seitige Wohnnutzung. Selbst für eine minimale Sanitärzelle mit WC, Dusche und Waschbecken findet sich Platz. 
Ein raumhohes Fensterelement mit schmalem Öffnungsflügel stellt die Blick- und Kontaktbeziehung zum Marktplatz her. Der integrierte Sichtschutz, der Verschattung und Verdunkelung gewährleistet, schottet, wenn gewünscht, die Privatsphäre ab. 
Erschlossen werden die jeweiligen Cubes im rückwärtigen, der Fassade zugewandten Teil. Diese Zwischenzone ist ein semiprivater Aufenthaltsraum für den jeweiligen Bewohner. Die Wände der einzelnen Cubes sind in Holzständerbauweise mit einer innen liegenden Dämmung ausgeführt und mit OSB-Platten verkleidet.

Die Konstruktion

Die Konstruktion folgt der Idee der Addition. Auf der 16 Meter x 16 Meter großen Plattform gruppieren sich die Cubes auf zwei Ebenen um den zentralen Marktplatz. Darüber spannt sich eine Hülle, die den inneren Außenraum zum Zwischenraum macht und im Wechselspiel mit den privaten Cubes Zwischenzonen zur gemeinschaftlichen Nutzung generiert.

Die Primärkonstruktion

Auf der quadratischen Grundfläche steht eine demontable, elementierte Brettschichtholz-Fachwerkkonstruktion. Die 6 Meter hohen Fachwerkaußenwände bestehen aus V-förmig angeordneten Stützen, die jeweils an den Enden über Knotenbleche gelenkig angeschlossen und umlaufend miteinander gekoppelt sind. Auf den Stützenköpfen liegen BSH-Dachbinder, die ebenfalls einen Dreiecksverband und somit die schubsteife Deckenscheibe ausbilden.

Die Sekundärkonstruktion

Die einzelnen BSH-Dachbinder tragen eine Brettstapeldecke mit zentraler Oberlicht-öffnung. Den Dachrand bilden schlanke BSH-Attikabinder. An den horizontal vor den Wänden durchlaufenden Fachwerk-Fassadenriegeln sind sowohl die Polycarbonatfassade als auch die transparenten Eckverglasungen befestigt. Letztere leiten die Windkräfte in die Primärkonstruktion ein. Für den oberen Raumabschluss des Hauses wurde eine Brettstapeldecke mit Warmdachaufbau gewählt.

Das Energiekonzept

Das Energiekonzept und seine technische Umsetzung sind eng mit den architektonischen und soziologischen Grundfragestellungen des Projektes verbunden. Zeitgenössische Formen gemeinschaftlichen Wohnens lassen sich in Zeiten, in denen Klima- und Nachhaltigkeitsthemen immer stärkere Priorität gewinnen, nicht vom Preis ihrer Umsetzbarkeit trennen. Im Begriff „Suffizienz“ werden „Quadratmeter“ und „Kilowattstunde“ zu der Frage zusammengeführt: Was brauchen wir wirklich? Um zu ihrer Beantwortung beizutragen, sollen mit dem CUBITY-Projekt die „Randbedingungen des Gelingens“ erforscht werden. Das bedeutet auf der technischen Ebene zunächst, die in Normen festgeschriebenen Komfortansprüche infrage zu stellen, ohne aber dabei die Behaglichkeitskriterien aus den Augen zu verlieren. Analog der räumlichen Differenzierung ist das Gebäude in einzelne klimatische Schichten zoniert und wirkt dabei wie eine temporäre Zwiebel.

Die Belüftung

Die Gemeinschaftsbereiche werden im CUBITY natürlich belüftet. Die Position der Lüftungsöffnungen – Eckfenster und Oberlicht – sorgen für eine natürliche Thermik und verhindern die sommerliche Überhitzung. Nur die Wohnkuben sind mit einer Abluftanlage ausgestattet. Die Luftströmung wird dabei so geführt, dass eine maximale Vortemperierung erfolgen kann. 

Heizen + Kühlen

Die Cubes verfügen über eine aktive Beheizung und Kühlung mittels einer Heiz- und Kühldecke, die ihre Wärme und Kälte aus einer reversiblen Luft-Wasser-Wärmepumpe beziehen soll. Letztere versorgt auch die Heiz- und Kühlflächen im Hallenboden. Die Vorerwärmung des Trinkwassers erfolgt ebenfalls über einen Heizwasser-Wärmespeicher. 

Infos: TU Darmstadt
www.solardecathlon.tu-darmstadt.de

Das Haus-im-Haus-Prinzip: Um den 6 Meter hohen zentralen „Marktplatz“ gruppieren sich zwölf kompakte Cubes, die privaten Studentenzimmer. Sie sind zweigeschossig aufeinandergesetzt. Auf der oberen Ebene werden sie durch eine außen umlaufende Galerie miteinander verbunden. Über der Küche befindet sich ein Galerieplatz, eine Art zweites Wohnzimmer.

DIE MACHER

 

 

 

 

 

Thomas Sapper, Vorstandsvorsitzender DFH Deutsche FertighausHolding AG
Foto: Karl Heinz Schindler 

 

 

Ein revolutionäres Wohnkonzept

Unser Tagwerk sind Einfamilienhäuser. 2.000 Stück im Jahr, damit sind wir als Konzern gut beschäftigt. Aber wir müssen eine Schlaufe weiterdenken. Deshalb sind wir der Anregung von Rainer Bomba, damals Staatssekretär im Bundesbauministerium, sofort gefolgt: Macht euch auch mal Gedanken über neue Studentenwohnheime. Der Mangel hierzulande ist bekannt, die baulichen Unbedarftheiten dieser Gebäude beklagen die Studenten mit Recht. Mit Prof. Anett-Maud Joppien und Prof. Manfred Hegger von der TU Darmstadt arbeiten wir seit einiger Zeit zusammen. In diesem Projektteam ihrer Studenten erlebten wir live mit, wie kreative Fantasie einen Kickstart bekommt. 
Als wir aus 15 interessanten Konzepten dem jetzigen den Zuschlag gaben, war sich die Jury einig: Das CUBITY ist genial. Aber natürlich auch mit dem Risiko behaftet, am Ende praktisch zu versagen. Darf man den Alltag studentischen Wohnens neu und anders betrachten? Unbedingt! Man muss sich dafür allerdings freimachen von früheren Gewissheiten, den Tunnelblick weiten. Was wollen, was brauchen wir wirklich? Was ist in welcher Situation angemessen? Gute Fragen! Die Studierenden sind frisch und forsch vorneweg gestürmt. Ich kann mich nur respektvoll verneigen, mit welcher geistigen, organisatorischen und zeitlichen Totalverausgabung sie acht Monate lang unterwegs waren. 
Das Engagement für CUBITY ist für uns keine Symbolhandlung, auch wenn ich als Unternehmer über die Lust am Visionären nüchternes Kalkül nicht vernachlässigen darf. Investoren gehen bei studentischen Unterkünften in der Regel von einem Flächenbedarf zwischen 23 und 25 Quadratmetern aus. Bei zwölf Studenten  wie im CUBITY reden wir also von 300 Quadratmetern. Die entsprechenden Aufwand erfordern. Innovationen wie das CUBITY reduzieren die Kosten erheblich: Die Hülle, eher Wetter- als Wärmeschutz, ist relativ unaufwendig herzustellen. Die reduzierten Außenflächen der Cubes sind mit USB-Platten verkleidet, innen mit Mineralwolle wärmegedämmt – das ergibt 72 Quadratmeter bestens gedämmte Wohnfläche. Wenn das Konzept aufgeht, die Studierenden sich darin tatsächlich so wohlfühlen, wie wir das erhoffen, können wir mit überschaubaren Kosten ein ganz neues Wohn- und Lebensgefühl initiieren. 
Deshalb ist das mehrjährige wissenschaftliche Begleit-Monitoring so wichtig. Uns interessieren nicht nur Hardfacts wie Energiegewinne und -verbräuche. Wir sind fast noch neugieriger auf die „soften“ Faktoren: Kommen die Studenten mit den Vorgaben der Räume klar? Wo entstehen die Konflikte? Funktioniert der Marktplatz auch in den vermutlich stark frequentierten Zeiten im Frühjahr und Herbst? Sind die Bewegungsbereiche optimal? Haben wir verlässliche Aussagen, stellt sich die Aufgabe, die CUBITY-Idee marktreif in Serie zu bringen. Die Cubes sind universell einsetzbar, man kann sie sich gut auch in ganz anderen sozialen Formaten und Konstellationen vorstellen – etwa als Wohngemeinschaft von verschiedenen Generationen.


 

 

 

Prof. Manfred Hegger, Emeritus TU Darmstadt, Fachgebiet Entwerfen und Energieeffizientes Bauen
Foto: HHS Architekten

Umkehrung der Denkrichtung

Ich bin kein „Solar-Decathlon“- Youngster. 2007 und 2009 hatten wir mit interdisziplinär zusammengesetzten Teams unserer TU Darmstadt diesen weltweiten studentischen Wettbewerb um energieeffiziente Einfamilienhaus-Lösungen gewonnen. Ursprünglich sollten 2014 alle 20 teilnehmenden Teams auf dem Ausstellungsgelände von Versailles in einer Cité Solaire auch wohnen. Als Mitglied des wissenschaftlichen Komitees des „Solar Decathlon Europe en France“ war ich eingeladen worden, eine dieser Unterkünfte beizutragen. Außerhalb des Wettbewerbs, auf eigene Initiative, auf eigene Kosten. Da ich bereits seit einiger Zeit emeritiert bin, habe ich mich mit Anett Joppien aus der Fachgruppe Entwerfen und Technik zusammengeschlossen, der ich angehörte. Wir haben im Wintersemester 2013/14 einen Studentenwettbewerb durchgeführt und dabei nach neuen Lösungen für studentisches Wohnen gesucht. Weitere Vorgaben waren: hoher Vorfertigungsgrad und Plusenergiestandard.
Das CUBITY reduziert die Privatfläche zugunsten von Angeboten für die Gemeinschaft. Diese Flächenverschiebung von privat zu gemeinschaftlich ist das eigentlich Innovative am CUBITY. Es kehrt die Denkrichtung der Vergangenheit um. Hier wird dem WIR mehr Platz zugebilligt als dem ICH. Das gefällt mir sehr. Ich entstamme der Wohngemeinschafts-Generation der 60er-Jahre. Das CUBITY-Konzept bereichert meine Ansichten von zeitgemäßem Wohnen und angemessenem Bauen auf geglückte Weise.
In Versailles stand das noch nicht ganz fertige Schaustück. Für den Einbau der Technik fehlte die Zeit, nachdem erst im Mai 2014 das endgültige Go für das Projekt aus Paris kam. Die komplette Technik wird am künftigen Standort in Darmstadt installiert. Ich habe aber keine Zweifel, dass alles, was die Computersimulationen hergaben, so auch im Alltag erreicht wird. Bautechnisch ist CUBITY ein ausgereiftes Objekt, in ihm stecken modernste Fertigungstechnologie, hohe Materialqualität und handwerkliches Können der DFH. Dazu wird es wohl das weltweit erste AktivPlus-Studentenwohnheim. Das mehr Energie erzeugt, als es verbraucht.
Stufe 1 des Projekts ist worden realisiert: Der Prototyp für ein neuartiges studentisches Wohnen ist gebaut. Zwölf Wohneinheiten sind ein winziger Anfang, wenn man sich den immensen aktuellen Bedarf von etwa 70.000 Unterkünften anschaut. In Stufe 2 soll das Gebäude einem Monitoring unterworfen werden: technisch, energetisch und auf seine Benutzerakzeptanz. Parallel dazu folgen die Optimierung und die Vorbereitung einer Serienfertigung. Die 3. Stufe sieht vor, den Gebäudebestand einzubeziehen, ohne dabei kleinmütig zu werden. Nur mal eine Idee: Unsere Cubes würden sich auch in alten Industriegebäuden wohlfühlen.


 

 

 

 

 

 

 

Anna-Lena Plaßmann, Architekturstudentin, TU Darmstadt  
Foto: privat

 

Leben teilen

Wir waren sehr froh, dass sich die Jury am Ende des mehrstufigen uniinternen Wettbewerbs für den unkonventionellsten Entwurf entschieden hat. Architektur verlangt immer auch Mut – man könnte ja scheitern. Dieses Projekt hat uns alle etwas mutiger gemacht, freier im Kopf. Damit Aufmerksamkeit zu erregen, ist allenfalls eine schöne Beigabe. Wir wollten keinen hedonistischen Geniestreich, sondern ein funktionstüchtiges studentisches Zuhause, das der Logik des Alltags folgt. Die meisten Studierenden sitzen ungern allein im stillen Kämmerchen. Nach der Uni gehen sie gemeinsam in die Bibliothek, arbeiten in Gruppen, treffen sich zum Essen. Man teilt sein Leben gern mit anderen – der große Gemeinschaftsraum im CUBITY ist die Message: Hier könnt ihr es tun, wann immer ihr wollt. 
Der private Raum ist als Gegenstück natürlich unverzichtbar. Wir haben ihn so optimiert – auch die kompakte Inneneinrichtung stammt von uns Studenten –, dass sich selbst Skeptiker gewundert haben, wie viel Platz die nicht mal 8 Quadratmeter letztlich bieten. Manch einer von uns fühlt sich in seinem Wohnheim beengter. Wenn man sich darauf einlässt, alles Überflüssige wegzulassen, entsteht erstaunlich Gutes. 
Sehr raffiniert finde ich den halb privaten Zwischenraum zwischen Fassade und Cubes. Er ist Eingang zu den privaten Boxen – man muss also nicht über den Marktplatz laufen. Ich könnte mir vorstellen, dass ihn die künftigen Bewohner wie einen Balkon nutzen, es sich mit ihrem Besuch und einer Flasche Wein dort gemütlich machen … Das können sie natürlich genauso auf der Terrasse, die in zwei Himmelsrichtungen weist. 


 

 

 

 

Martin Koleda, Architekturstudent, TU Darmstadt
Foto: privat

 

Dynamisch aufs EnergiePlus-Level

Die modular-räumliche Struktur energetisch auf Aktiv-Plus-Niveau zu bringen, war ein hartes Stück Arbeit. Zumal wir uns dem Gebot der Suffizienz verpflichtet fühlen: Warum das Haus mit neuestem Technologiemix vollstopfen, statt sich mit ihm zu verbünden, sein architektonisches Potenzial auszuschöpfen – und erst dann technische Komponenten hinzuzufügen. Bei der Halle haben wir uns für ein dynamisches Konzept entschieden, bei den gut gedämmten, klimatisierten Cubes handelt es sich eher um ein statisches System. Die kaum gedämmte Haushülle fängt solare Wärme ein. Achtung, Überhitzungsgefahr im Sommer. Um die abzuwehren, ist eine natürliche Lüftung extrem wichtig. Also gibt es an allen Ecken der Halle Fenster und damit eine wunderbare Querlüftung. Auch das Oberlicht lässt sich öffnen, Stichwort: Kamineffekt. 
Unter der Hallendecke hängt noch so ein kleines Suffizienzgedankensymbol, made by Prof. Hegger – ein Casablanca-Ventilator. Der saugt im Sommer mit wenig Strom warme Luftschichten nach oben, im Winter kann man ihn so einstellen, dass er die warme Luft nach unten drückt. 
Zu den technischen Komponenten gehört auch eine reversible Luft-Wasser- Wärmepumpe, die von der Photovoltaik-Anlage mit Strom versorgt wird. Die Wärmepumpe kühlt oder erwärmt die Fußbodenheizung der Halle. Eine Besonderheit ist, dass keine durchgängig konstante Temperatur angestrebt wird, das würde das dynamische Konzept unterlaufen. Wir haben Komfortzonen definiert – Marktplatz und Küchenbereich. An besonders heißen oder kalten Tagen herrschen hier die behaglichsten Temperaturen, man würde sich folglich bevorzugt an diesen Orten aufhalten. Realistisch? Mal sehen. Wir haben es mit einer großen Unbekannten zu tun: dem Nutzerverhalten. Architektur soll auf den Ort reagieren, lautet ein Lehrsatz mit Ausrufezeichen. Wieso tun wir uns so schwer damit? Weshalb wird vorzugsweise lieber die Natur komplett konditioniert, statt sich mit der Architektur auf sie einzustellen und den Nutzern zu vermitteln: Euer Wohnkomfort wird keinesfalls darunter leiden, wenn nicht jeder Raum aufs halbe Grad genau temperiert ist. 
Zur technischen Ausstattung gehören außerdem zwei Speicher – einer fürs Heizen, einer fürs Kühlen –, eine dezentrale Trinkwassererwärmung, eine Batterie für die Speicherung des Solarstroms, eine energieeffiziente LED-Beleuchtung. Sie vermissen in der Aufzählung eine Lüftungs- und Wärmerückgewinnungsanlage? Lowtech – und trotzdem Plusenergiestandard. 
Es wäre blauäugig anzunehmen, man plane so ein dynamisches System und habe alles von Anfang an im Griff. Das mehrjährige Monitoring wird zeigen, wo sich das Zusammenspiel von passiven und aktiven Maßnahmen nachbessern lässt. Die Bewertung solcher Systeme ist extrem wertvoll, alle Partner, die Komponenten beigesteuert haben, sind sehr neugierig auf die Messergebnisse. 


 

 

 

 

 

Frederik Dauphin, Architekturstudent, TU Darmstadt
Foto: privat

 

Wenig Aufwand, große Wirkung

Ich war beim Aufbau des CUBITY in Versailles vor Ort. Die Cubes rollten komplett vorgefertigt auf Sattelschleppern an, die DFH-Monteure mussten sie nur noch mit den Hausanschlüssen verbinden – fertig. Auch für die Bäder gilt der Vorfertigungsgedanke: Solche Zellen sind ein gängiges Ausstattungselement auf Schiffen. Schnell zu montieren, gut zu transportieren und, für Studenten sehr, sehr wichtig: pflegeleicht. Wer AktivPlus-Haus denkt, muss auch Suffizienz denken, muss auch Bezahlbarkeit denken. 
Im CUBITY stecken Lösungen, die in unserem künftigen Architektendasein hoffentlich abrufbereit bleiben. Etwa die Vorherrschaft natürlicher, passiver Elemente – aber so, dass sich Raum und Elemente die Bälle zuspielen. Beispiel Platzierung der Fenster an den Gebäudeecken. Dort ist die Luftverwirbelung am stärksten, das Haus wird optimal diagonal gelüftet. Andererseits lenkt die Übereckverglasung Tageslicht gleich von mehreren Seiten in den Raum. Wo Naturlicht ist, kann man auf Kunstlicht verzichten. Dritter Effekt: die Betonung der Raumdiagonale. Und schließlich hat man dadurch auf der Galerie immer freien Blick nach draußen. Auch das Oberlichtfenster erfüllt eine Doppelfunktion: Es trägt zur räumlichen Qualität bei und leistet zugleich gute energetische Dienste.
Ein anderes Beispiel für wenig Aufwand mit großer Wirkung ist der Riesenvorhang um den Marktplatz. Wird er im Winter geschlossen, hält er den Raum warm. Auf- oder zugezogen verändert er den Raum enorm, schafft völlig andere Szenerien. Wir sind sehr gespannt, wie sich die künftigen Bewohner darauf einlassen.


 

 

 

 

 

 

Verena Krekel, Architekturstudentin, TU Darmstadt 
Foto: privat

 

Das Gegenteil von einsam

Von außen wirkte das Haus, so wie es in Versailles stand, eher kühl, industrie-bauähnlich, unstudentisch. Auf dem Darmstädter Campus wird die Fassade partiell begrünt, um die Südseite zu verschatten, dadurch wird sie weicher wirken. 
Ihre bautechnischen Eigenschaften machen diese Polycarbonatfassade unwiderstehlich: recycelbar, schnell zu montieren, so durchsichtig, dass man sich nicht komplett abgeschottet fühlt, und zugleich so wenig einsehbar, dass der private Schutzraum erhalten bleibt. Und sie sorgt für einen Wow-Effekt: Jeder, der von draußen hereinkam, blieb erst einmal erstaunt stehen: Eine neue Welt tut sich auf. Viel Holz, weite Blickachsen, großartige Raumhöhen. Als wir das erste Mal in Versailles im fertigen CUBITY standen, fühlten wir uns auf der Stelle heimisch. Es hat uns begeistert, wie stimmig die vielen Detaillösungen wirken.
Die Zweigeschossigkeit des Raums hat etwas ungemein Dynamisches. Leute gehen die Treppen hoch und runter, verschwinden hinter den Cubes, tauchen plötzlich wieder auf. Eine Art interaktiver Spielplatz.
Ich erinnere mich an ein älteres Ehepaar, das mehrmals durch das Haus streifte: So würde es später gern mit anderen zusammen leben. Ja, die Cubes könnten etwas größer sein, vor allem die Bäder. Aber sonst: Dieses gemeinschaftliche Wohnkonzept wäre das schöne Gegenteil von einsam im Alter.


 

 

 

 

 

 

Johanna Saary, Architekturstudentin, TU Darmstadt 
Foto: privat

 

Premierenapplaus

Für uns Architekturstudenten ist es eine Superchance, mitverfolgen zu können, wie sich das Wohn-und Technikkonzept des CUBITY im Leben behaupten wird. Für das sozialwissenschaftliche Monitoring sind Beobachtungen, Fragebögen und Interviews geplant, auf Vorschläge und Probleme kann unmittelbar reagiert werden. Das CUBITY ist offen in jeder Beziehung. 
Seine ersten Praxistests hat es mit Bravour bestanden. Versailles hat geschwitzt – und in unserem Haus war es angenehm kühl. An den Abenden nach Ausstellungsschluss waren wir auf dem „Solar-Decathlon“-Gelände eine beliebte Adresse für die anderen Länderteams. 70 Leute und mehr verteilten sich auf der Galerie, standen grüppchenweise in der Küche, tanzten auf dem Marktplatz, suchten sich ganz nach Belieben einen genehmen Platz. Und alle lobten: Super, hier ist nichts umständlich, die Wege funktionieren, selbst im offenen Marktplatz hockt man nicht aufeinander.
Das CUBITY wird auf der Darmstädter Lichtwiese „Living Lab“ heißen. Es soll vom Studentenwerk vermietet werden. Ich würde mir wünschen, dass die künftigen Bewohner das Haus als Gemeinschaft achten und pflegen. Der Technikturm am Eingangsbereich wird erhalten bleiben, die Kabel für die Waschmaschinen werden, wie auch die Lüftungskanäle, sichtbar sein. Die Bewohner sollen begreifen, wie viel Aufwand, wie viel Technik in allem steckt. Schön, wenn sie in ihrem Alltagsverhalten dafür sensibilisiert würden.

Protokolle: Dorothea Neumann