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Wertewandel


Brauchen wir jetzt schon eine Idee vom Masterplan für das „Haus 2050?” Falls ja: Haben wir eine?

Thomas Sapper, Vorstandsvorsitzender der DFH Deutsche Fertighausholding AG im Gespräch mit dem Journalisten und Verleger Peter Neumann.

  • „Weiter so!“ ist die erste Stufe auf dem Weg in den Keller …
  • Diesmal ist die Gefahr, zu kurz zu springen, besonders groß
  • Wie plötzlich machbar wird, was kurz zuvor utopisch erschien
  • Lerning by Doing – und umgekehrt
  • Nachhaltigkeit ist kein Solo­-Ritt. Sondern Teamarbeit. 
  • Von Kopf bis Fuß auf Forschung eingestellt


Peter Neumann: Irgendwie hätte ich sogar Verständnis dafür, wenn ein Erfolgstyp wie Sie sagen würde: Wir sind seit Jahren richtig gut unterwegs, Marktführer im deutschen Fertighausbau, überdies mit einigem Vorsprung – was müssen wir auf der Überholspur Gas geben, wenn sowieso keiner mehr vor uns ist …?! „Weiter so!“ wäre in dieser Situation eine plausible Unternehmensstrategie. Mit ruhiger Hand erst einmal solide die Erfolge verwalten.

Thomas Sapper: Das klingt für mich eher nach großer Pause als nach großer Strategie. Viele sind schon in diese Falle gelaufen. Auch große deutsche Traditionsunternehmen. Der Markt verzeiht selbstzufriedenen Stillstand niemandem.

Die Phase relativ ruhiger Marktentwicklung ist vorbei. Wir stehen am Beginn gravierender Umbrüche auf dem Markt. 

Woraus folgern Sie das?

Thomas Sapper: Unsere Kunden verändern sich. Wir werden das bei den Baufamilien der nächsten zwei, drei, fünf Jahre immer stärker erleben, erst recht bei jenen ab 2020. Deren Prioritäten sind ganz andere als bisher. Die streben als junge Leute nicht – wie zu meiner Zeit – als Erstes nach einem eigenen Auto. Die fahren lieber Fahrrad oder öffentlich. Wenn sie wirklich ein Auto brauchen, teilen sie es sich über Carsharing mit anderen. Die Ausprägung solcher Lebensentwürfe verändert logischerweise auch den Blick auf die Wertschätzung von Produkten: Brauche ich das wirklich? 

Falls ja, sind die Auswahlkriterien der Kunden auch ganz andere als bisher: Nachhaltigkeit. Ökologische Gesamtbilanz. Lebenszykluskosten.  Das werden die Schwerpunkte der Zukunft.

Sind Sie sicher?

Thomas Sapper: Inzwischen ja. Zu zweihundert Prozent. Lange Jahre haben wir vor allem auf der Architekturebene geredet. Wo sind neue Kundenbedürfnisse, wie kann man sich an ihnen ausrichten. Größere Fenster, höhere Räume, bessere Außenwände – alles in allem eher kleine Schritte als große Sprünge.

Als die ersten Plusenergiehäuser in mir leidenschaftliche und ungetrübte Begeisterung entfachten, führte das zum Streit zwischen uns. Sie hielten kühl dagegen: Jeder Bauer könne sein Scheunendach mit Solarzellen bestücken, bis es kracht. Einerseits hätten wir es mit dem Einstieg in einen überfälligen Systemwandel zu tun, andererseits fühle sich das an wie ein mit viel Subventionsgeld entfachtes Strohfeuer, bei dem längst nicht ausgemacht sei, wer sich wie lange die Hände daran
wärmen könne …

Thomas Sapper: Wenn sich alles auf die Frage beschränkt, wie ich mit dem neuen Haus möglichst viel Fläche für möglichst viele Solarzellen zur Verfügung stellen kann, dann stimmt das Konzept nicht. Ziel kann doch nicht der meiste selbst gewonnene Strom sein, sondern der am effizientesten produzierte und verwendete. 

Man muss diese Fragen im Kontext betrachten: Wo kann ich Energie sparen? Jede Kilowattstunde, die das Haus weniger verbraucht, muss ich gar nicht erst erzeugen. 

Wir müssen lernen, unternehmerisch in einer nachhaltigen Gesamtstrategie zu denken. Ihre Worte vor fünf Jahren.

Thomas Sapper: Sie haben meine Argumente damals nicht verstehen wollen. 

Ich habe mich über Sie gewundert. Ihre Nachhaltigkeits-Idee schien mir schon reizvoll, aber eher wie eine für den Alltag weltenferne Vision. Sie und Ihr Marktgespür hatten recht. Also widerrufe ich meine damaligen Widerworte, dass wir beide das Nachhaltigkeitsparadies kaum erleben werden, in dem alte Photovoltaik-Zellen vom Dach direkt auf den Biokompost landen … 

Thomas Sapper: Vor fünf Jahren hat sich kaum ein Kunde Gedanken gemacht über seine künftigen Energiekosten. Strom kam aus der Steckdose, war verfügbar, einigermaßen bezahlbar. Punkt. Dann der große Knall – die Erdöl- und Erdgaskosten gingen durch die Decke. Energiepreise waren mit einem Schlag das Top-thema. Haben Hausbesitzer in späteren Jahren überhaupt genügend Geld, um ihre Heizkosten bezahlen zu können? Was haben wir heute, fünf Jahre später, zur Verfügung? Leistungsstarke Photovoltaik für Dächer und Fassaden, Wärmepumpen, Erdwärmetauscher, Lüftungstechnik, neuerdings sogar bezahlbare Lithium-Ionen-Batteriespeicher und intelligentes Energiemanagement im iPad-Format.


Ist der Umstieg auf nachhaltiges Bauen eine Frage der Technik

Thomas Sapper: Er bleibt jedenfalls ein frommer Wunsch, solange die technischen Möglichkeiten zur Umsetzung fehlen. Wer kein „Green Washing“ betreibt, sondern sich ernsthaft mit dem Einstieg ins nachhaltige Bauen beschäftigt, merkt schnell, wie tiefgreifend und komplex die dazu unerlässlichen Veränderungen sind. 

Ihr erstes Strategiepapier zur schrittweisen Umstellung des DFH-Konzerns auf nachhaltiges Bauen ist inzwischen fünf Jahre alt, glaube ich.

Thomas Sapper: Ich bin sehr froh, dass wir so früh mit dem Umdenken angefangen haben. Wir haben diese Zeit auch wirklich gebraucht. Um herauszufinden, wo wir hinwollen. Und wo wir hinmüssen. Wenn Nachhaltigkeit tatsächlich auf lange Sicht der alles neu justierende Megatrend am Markt wird – was bedeutet das für die DFH und ihre Vertriebslinien? Wo können wir 2020 stehen? Wo 2050? Die einzige Frage, die wir in keiner Phase diskutiert haben, war: Was passiert eigentlich, wenn wir das Ganze lassen?

Hat Sie nicht irritiert, dass selbst zu der Zeit, als Sie Ihre ersten Nach-haltigkeitsstrategien formulierten, eine praktikable Definition dieses Begriffs erst langsam aus den akademischen Theorie-Nebeln auftauchte? Zwischen der ersten plausiblen Nachhaltigkeits-Definition als Drei-Säulen-Modell auf-einander einwirkender ökonomischer, ökologischer, sozialer Komponenten und dem Effizienz-, Konsistenz- und Suffizienzmodell auf der „Landkarte nachhaltigen Bauens” von Prof. Hegger lagen dann ja noch weitere drei Jahre. – In denen Sie schon kräftig am Arbeiten waren …

Thomas Sapper: Hier haben Sie den schönen Fall, wo sich Wissenschaftler und Praktiker auf derselben Baustelle treffen. Beide wissen, wo sie hinwollen. Wie es funktionieren kann, weiß erst einmal noch keiner so richtig. Beide setzen also darauf, voneinander möglichst schnell möglichst viel zu erfahren und zu lernen. Die Zeit läuft …mFür mich war die Bekanntschaft mit Prof. Manfred Hegger von der TU Darmstadt sehr wichtig. Er war seinerzeit auch Präsident der DGNB, der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e. V. Seine Art, die Dinge ganzheitlich zu betrachten, war für unsere strategische Orientierung handhabbarer, deshalb zunächst auch wichtiger als das Warten auf eine perfekte wissenschaftliche Definition. 

Ganzheitlich heißt für ihn: in eine saubere Energiebilanz tatsächlich alle Verbräuche einzubeziehen. Angefangen vom energetischen Aufwand für die Produktion und den Transport sämtlicher Baustoffe, die sogenannte graue Energie, die darin steckt. Dazu kommt der Energieaufwand für den Betrieb, das Bewohnen des Gebäudes über den gesamten Lebenszyklus. Bis hin zum prognostizierten Energieverbrauch für den Rückbau am Ende und für das Recycling. Für nachhaltiges Bauen ist diese umfassende Energiebilanz ein wichtiger Punkt, aber nur einer von vielen. Minimierter Ressourcenverbrauch spielt naturgemäß ebenfalls eine große Rolle. Sowohl, was den Flächen- als auch, was den Materialverbrauch betrifft. Dazu ökologische Parameter, Entwurfs-, Architektur-, Nutzerqualitäten. Dieser ganzheitliche Ansatz ist erst mal aufwendig, macht aber Sinn.

Die DGNB beeindruckte zu dieser Zeit den Markt mit ersten erfolgreichen Nachhaltigkeits-Zertifizierungen für Büro- und andere neue öffentliche Bauten.  Für die Bewertung von Einfamilienhäusern nicht übertragbar. Aber auf deren Nachhaltigkeits-Zertifizierung durch die DGNB waren Sie doch von Anfang an aus.

Thomas Sapper: Klar. Wir verbinden damit sowohl grundlegende strategische als auch handfeste aktuelle Interessen. Die Anforderungen der Nachhaltigkeits-Experten der DGNB mit ihren ganzheitlichen Bewertungen für den gesamten Lebenszyklus sind am Markt derzeit die härtesten und reichen am weitesten in die Zukunft. Wie gut oder schlecht schneiden wir da mit unseren Häusern ab? An welchen Themen, welchen De-tails müssen wir unbedingt noch arbeiten?

Kriterien für eine Nachhaltigkeits-Zertifizierung von Einfamilienhäusern gab es doch aber noch gar nicht.

Thomas Sapper: Jetzt sind wir auf der Baustelle, die ich Ihnen vorhin beschrieben
habe. Wo Wissenschaftler und Praktiker beieinanderhocken und einen so guten und kurzen Draht zueinander finden, dass in kürzester Zeit machbar wird, woran bisher nicht zu denken war. Von DFH-Seite hat sich unser Teamleiter Architektur, Sven Propfen, leidenschaftlich für die „Nachhaltigkeits-Zertifizierung kleiner Wohngebäude unter sechs Wohneinheiten“ engagiert. Er hat auch die Leitung der neugegründeten DGNB-Arbeitsgruppe übernommen.

Eine klassische Win-win-Situation. Die DGNB bekommt mit dem Chefarchitekten der DFH einen ausgewiesenen Einfamilienhaus-Experten, der genau weiß, was in der Praxis geht und was nicht. Die DFH gewinnt Zeit- und Kompetenzvorsprung, weil sie von vornherein die gangbaren von den Irrwegen beim Sturm auf die Nachhaltigkeitsgipfel zu unterscheiden weiß.

Thomas Sapper: Das ist so. Jedenfalls war das OKAL-Musterhaus in Mühlheim-Kärlich 2013 das bundesweit erste Einfamilienhaus mit einer Nachhaltigkeits-Zertifizierung der DGNB. 

In Silber.

Thomas Sapper: Und darauf sind wir mit Recht stolz! Dieses silberzertifizierte Haus wurde komplett mit Bauteilen aus der damals aktuellen Serienfertigung errichtet. Das ist es doch, was uns vor allem anderen interessiert: Welche Nachhaltigkeitsklasse erreichen wir in der Serie? Wettbewerber haben dann Einzelobjekte sozusagen als besonders hübsch geschliffene Solitäre von der DGNB zertifizieren lassen. Für ein Großunternehmen wie unseres wäre das rausgeschmissenes Geld – es beweist doch lediglich, dass mit erheblichem Mehraufwand in diesem einen Fall die strengen Nachhaltigkeitskriterien der DGNB erfüllt werden konnten. Was hat die Bauherrenfamilie davon? 

Im Sommer 2014 hat die OKAL-Villa in der „Fertighauswelt Wuppertal“ bei der Nachhaltigkeits-Zertifizierung der DGNB Gold bekommen, aber auch das war kein getuntes Sonderobjekt, sondern mit Standardbauteilen aus der weiterentwickelten OKAL-Serienfertigung errichtet. 

Gibt es denn eine Nachhaltigkeits-Serienzertifizierung?

Thomas Sapper: Die DGNB arbeitet daran. Ab Mai 2015 werden sämtliche OKAL-, allkauf- und massa-Häuser ausschließlich mit DGNB-Serienzertifikat für geprüft nachhaltiges Bauen ausgeliefert. 



Mit Zertifizierungs-Gold und -Silber im Rücken hat man einen guten Stand, auch bei seiner Mannschaft. Aber davor? Sie wären ja nicht der erste Chef, dem man höflich zuhört, aber insgeheim denkt: Der spinnt doch … 

Thomas Sapper: Die Mannschaft mitzunehmen war einer der Hauptpunkte unserer Strategiepapiere. Wir haben dafür alle Register gezogen: Vorträge der DGNB-Experten, Arbeitskreise, Schulungen. Im Rückblick war es leichter, als ich dachte.In der DFH-Struktur sind die Teamleiter sehr wichtig. Gut 40 Leute. Ich war selber ganz begeistert zu erleben, wie sich vor allem die Jüngeren unter ihnen vom ernsthaften Umstieg auf nachhaltig zertifizierte Produkte anstecken ließen, sich richtig rein-knieten in die neuen Aufgaben. Was im Umkehrschluss einmal mehr bestätigt, mit welchen Grundeinstellungen wir bei künftigen Kundengenerationen zu rechnen haben. 

Mit den Zulieferern war es schon schwieriger. Um eine Gesamtenergie- und Ökobilanz erstellen zu können, müssen auch sie ihre Karten restlos offenlegen. In Großunternehmen wie Bosch, die ja auch zu unseren Lieferanten gehören, ist das Thema Nachhaltigkeit genauso akut wie bei uns – da gibt es die entsprechenden Nachweise. Unsere Holzzulieferer dagegen sind mittelständische Betriebe, unmittelbar ergebnis- orientiert. Da mussten wir als Großabnehmer auch größere Arbeit leisten, um sie von den langfristigen unternehmerischen Vorteilen nachhaltigen Wirtschaftens zu überzeugen. Zumal es ihnen wie uns erst mal allerhand abverlangt, die Vorgaben einer DGNB-Zertifizierung in entsprechende Einzelnachweise umzusetzen. Aber auch das haben wir gemeinsam hingekriegt.

Ich kann mich an Gespräche mit Ihnen erinnern, in denen Sie mit leuchtenden Augen von früheren Glanz-zeiten OKALs schwärmten, von dem Forschungsdrang, der das Unternehmen nicht nur zum Marktführer, sondern im besten Sinn zum Vorreiter der ganzen Branche machte. Gemeinsam mit führenden Wissenschaftlern wurden seinerzeit im OKAL- Auftrag neue DIN-Normen begründet. Jetzt haben Sie die verlorenen Fäden wieder aufgenommen und investieren richtig viel Geld in strategische Kooperationen mit Wissenschaftlern. 

Thomas Sapper: Dass Prof. Manfred Hegger von der TU Darmstadt dabei eine große Rolle spielt, hatte ich schon erwähnt. Ein herausragender Architekt und Wissenschaftler. Und ein beeindruckender Mann. Wir haben schnell herausgefunden, dass wir auf derselben Welle senden. Was auf kurzem Weg zu mehreren gemeinsamen Projekten der DFH und der TU Darmstadt führte. Eines davon ist das CUBITY, ein genial innovatives Wohnheim, das im Juli 2014 zur „Solar-Decathlon“ in Versailles eine glanzvolle Premiere erlebte. Die DFH lieferte als Industriepartner die gesamte Konstruktion und die Bauleistungen. Der große Bedarf am Markt für solche innovative Wohnheimarchitektur ist für uns eine neue Herausforderung.

Als weltweit erste Wohnheim auf AktivPlus-Niveau. In Frankfurt wird gerade das erste AktivPlus-Stadthaus der Welt nach Plänen von Prof. Hegger errichtet. Das neue „Urban Insider“-Musterhaus von OKAL in Fellbach wird die Weltpremiere des ersten seriengefertigten AktivPlus-Hauses. Zeichnet sich für Sie da der kommende Standard ab, der die Bauwelt aus ihren rostigen Angeln hebt? 

Thomas Sapper: Jedenfalls deutet vieles darauf hin. Die bisherigen politischen Vorgaben sind überholt – Energiesparen durch Erlass penibelster Dämm- und Verbrauchsvorschriften bringen uns der Lösung der Energieprobleme in Gebäuden keinen Schritt näher. Die AktivPlus-Idee hat einen besseren, ganzheitlichen Ansatz. Sie beschreibt als Ziel ein nachhaltig geplantes und gebautes Gebäude, was mir schon mal sehr gefällt. Es überwindet aber auch seine energetische Isoliertheit. Indem es mit seinen regenerativ erzeugten Energieüberschüssen aktiver Teil eines intelligenten Quartiermanagements wird. Das Spannende daran: Das Ziel wird im Standard beschrieben, die Wege und Mittel dahin sind jedem selbst anheimgestellt. 

Wenn ich richtig erinnere, ist auch Ihre derzeit langfristigste
Forschungskooperation mit der FH Aachen auf das AktivPlus-Niveau aus.

Thomas Sapper: Unterhalb des perspektivisch besten Levels wäre es vertane Mühe. Es ist eine auf sechs Jahre konzipierte interdisziplinäre Forschungsarbeit. Die herausfinden soll, ob und mit welchem Aufwand typische Einfamilienhäuser aus dem Bestand nachhaltig energetisch saniert und modernisiert werden können. Und wann Abriss und Neubau die sinnvollere, effizientere Lösung ist. In der ersten Phase steht auch die Entwicklung neuer Bauteile auf der Agenda. Zum Beispiel neue Außenwände mit einem innovativen Aufbauprinzip. Die brauchen wir unbedingt für die nächste Generation unserer AktivPlus-Häuser.